Wie mir ein Riesenriss im Mittelfinger schöne Durchstiegsaussichten in Via de la Capella (9b) in Siurana eine Woche vor Schluss zunichte macht.

Alltag El Pati dieses Jahr. Frieren und noch einmal versuchen.

Angesichts der Zeit, die bleibt im Rahmen dieses Siurana-Aufenthalts – gute zehn Tage noch – kann es nur einen Leitsatz geben, um Via de la Capella (9b) nach all den krankheits- und wetterbedingten Verzögerungen in den ersten zehn Tagen noch zu klettern: Die gelebte Explosion. Aus der Ebene der extremen Regeneration urplötzlich einen Turm aus Spitzenleistung bauen und hoffen, dass er 9 Meter und b Zentimeter hoch wird.

Nachdem ich das tägliche Antibiotika („meine tägliche Arznei gib‘ mir heute, lieber Pharmakonzern“) nach einer Woche endlich absetzen kann, komme ich in meiner dritten und vierten Zwei-Versuchs-Session in der Route gut voran, noch ohne aber das Licht des Tunneldurchbruchs erkennen zu können. (Licht, gerechnet auf die knappe Zeit, die bleibt. Zuhause wäre das Ding der perfekte Selbstläufer für plus/minus zehn Klettertage.) Noch immer komme ich vom Chalk-Punkt nach dem ersten Boulder (Schüttler kann man es bei aller Liebe zu dieser Route leider nicht nennen) nicht komplett raus. Noch immer verwurstele ich mich heillos im Seil, das durch die schlecht gesetzten Haken stets viel zu nah an allen möglichen Extremitäten entlang verläuft. Außerdem eröffnen gleich mehrere Positionen auf den ersten fünf Haken gute Möglichkeiten für einen Bodensturz.

Da hilft eigentlich nur: Sanieren.

Wagenburg gegen die nächtliche Kälte.

Glücklicherweise wird gerade heftig erneuert im Siurana der 90er Jahre und da ändert selbst die Geschichtsbesessenheit der Locals (von der Dave Graham noch als möglichen Hinderungsgrund unkt) nichts daran, dass David Brasco mir auf meine Sanierungsanfrage sofort ebenso hochmotiviert wie freundlich antwortet. Obwohl ich alles Equipment selbst dabei habe, möchte er die Arbeit machen. Ich markiere nur die Positionen der Spits.

Auf diesen neuen Haken werde ich allerdings wohl erst in der letzten aller Sessions klettern können, brauchen Klebeanker, die mit Sika betoniert werden, doch mindestens zwei Tage, um zu trocknen. Und erfordert mein Masterplan eine – wenn auch nicht gerade exponentiell, so doch linear – ansteigende Anzahl Ruhetage, will ich hier noch eine Chance bekommen.

Die fünfte Session leite ich bereits mit zwei Ruhetagen (nach zuvor einem) ein. (Die Kinder wurden von ihrer Mama in die Faschingsferien mitgenommen, womit sich die Schlafqualität sprunghaft verbessert. Außerdem die Chill-Möglichkeiten über den Tag.) Ich explodiere also ein erstes Mal wirklich aus der totalen Entspannung heraus. Das Wetter ist plötzlich mild, die Bedingungen nicht einmal besonders gut, und trotzdem komme ich von unten ernsthaft nah an den letzten schweren Zug heran, nach dem zwar noch immer nicht aller Tage Feierabend ist, ein Durchbruch nach oben aber auch nicht mehr auszuschließen. Außerdem steige ich zweimal locker von besagtem Chalk-Punkt am dritten Haken zur Kette aus.

Das Wetter wird besser, zu mild sogar, der Grip leidet unter dem Dunst und ich könnte natürlich auf die letzte Woche auch noch drei Klettertage in der Route verteilen. Aber es wäre nicht schlau. Es gibt nur noch eine Möglichkeit den Deckel jetzt schon auf die Kapelle aufzusetzen: Enthaltsamkeit, Ruhen, Haut pflegen, Räucherstäbchen in der Abenddämmerung, heiße Thermen. Liebe. Und dann die Explosion. Zwei Mal an einem Tag, dann ist der Peak vorbei. Verstrichen. Und wieder runter fahren. Im besten Fall vier Tage für das letzte Intervall.

Siurana erlaubt mir die Geduld. Der Ort steckt tief in mir, ich kenne ihn, habe keinen extremen Bedarf nach Kletterpensum, hier leben Freunde, ich filme, fotografiere. Was braucht man mehr für die klettertechnische Enthaltsamkeit?

Julia Bolesch in Homo Erectus (8a) im Salt de la Reina Mora.

Das letzte Jahr war ohnehin mitunter so hart, räumlich lange Zeit sehr hoch auf dem Altiplano, zehrend, und dann emotional unendlich tief im Anschluss an die Reise. Zehrender. Irgendetwas in mir verlangt inständig nach Ruhe. Müsste ich mich nicht um die Kinder kümmern, könnte ich problemlos auch den ganzen Tag nur lesen, schreiben, in der Sonne lieben. Essen.

In gewisser Weise vielleicht ein Gefühl von Alter. Angemischt mit dieser viel zu jugendlichen Form. Klar brauche ich die Ruhetage mehr denn je, aber selbst meine leichte Verletzung der Bizepssehnenansätze im Ellbogen, die ich ja aus dieser Route habe, befindet sich nicht nur unter Kontrolle, sie schleift sich sogar aus.

Zur Zeit dürfte ich in Via de la Capella wohl gerade an den zwanzig Versuchen vorbei ziehen. Im besten Fall fiele der Durchstieg noch unter die ersten 25. Damit wäre die Route um ein Vielfaches schneller, als meine Erstbegehungen im selben Grad zuhause. Auch immer ein gutes Argument in Bewertungsdiskussionen…

Aber bitte erstmal eine punktgenaue Explosion aus der Ebene der totalen Entspannung heraus!

Am Montag der letzten Woche trete ich zur vorletzten Session an. Freitag ist Abfahrt und mit dann neuen Haken vielleicht auch Durchstiegstag? Oder gar schon heute? Drei Ruhetage mit nur leicht klettern im Rücken, aber etwas warm, windarm und nachtfrostlos. Trotzdem fühle ich mich nach jeder Menge Substanz an. Im Grunde liegt hier die wichtigste Variable, die auch durch Ruhetage nach dem zweiten noch stark beeinflusst wird: Mag die Explosivität sich nach ein, zwei Tagen Pause nicht mehr groß verändern, baut sich die Fähigkeit zum Widerstand gegen die Ermüdung weiter aus. Ein Go nach einer Woche in anderen Routen kann sich zu Beginn oft gleich anfühlen, wie einer nach weniger Rasttagen, es trägt mich oft aber deutlich weiter nach oben hinaus. Genau so fühlt es sich beim ersten Ausbouldern und dem ersten Go an. Aber der Grip ist nicht gut und ich erwische den ersten weiten, schweren Zug schlecht, wofür man natürlich nach oben hin immer weiter Zins und Zinseszins „nachzahlt“. Trotzdem einer der besten Versuche bislang.

Noch einmal die gleiche Route.

Und dann?

15min Pause, nun vollkommen wach, der erste 7A+ Boudler, linkes Bein zur Hand, links halte ich bereits die Leiste, von der der erste Cruxzug abgefeuert wird. Plötzlich bricht mir ein Stück tritt unter dem Fuß heraus, ich schieße aus der Wand.

Blöd.

Aber egal.

Beziehungsweise…

Ich sehe auf meine Hand und schon jetzt, nach vielleicht zwei oder drei Sekunden sprudelt das Blut zu Boden. Es ist mir gelungen in einem vollkommen unbedeutenden Zug den wohl größten und tiefsten Cut meines Lebens zu holen!

Grandios.

Das Schicksal wirft mir weiter Steine in den Weg.

Eine Zeitlang denke ich noch, nach ein paar Tagen zumindest mit Tape wieder klettern zu können, aber allein eine einzige 8a drei Tage später reißt von neuem alles auf. Und besonders bei weiten Präzisionszügen stellt Tape statt Haut immer einen ziemlichen Nachteil dar.

Wir fotografieren, fliegen Drohne, genießen die Sonne, aber spätestens am Morgen des letzten Tages muss ich mir eingestehen: Wenn ich diesen Cut irgendwann wieder loswerden will, ist die schlechteste Idee mit Sicherheit heute Versuche in der 9b zu machen.

Und also wende ich mich ab von den schwierigsten dreieinhalb Wochen, die ich hier bislang verleben dürfte. Viel schlechtes Wetter, viel Wind, viel Kälte, eine Mandelentzündung und zuletzt der Cut haben die effektive „Arbeitszeit“ in der Route auf gerade mal eine Woche plus einen Tag vor der Erkrankung schrumpfen lassen. Gemessen daran waren die Fortschritte phänomenal. In Sachen Versuchsanzahl liege ich noch immer unter Adam und Stefano und fehlen tun nur noch eineinhalb schwere Züge. Aber eben nicht dieses Mal.

Sondern eher wenn Sonne und ein freundlich gesinntes Schicksal wieder auf Siurana und mein Treiben dort zu scheinen gedenken. Vielleicht im Herbst?

Samuel in Salt de la Reina Mora.

2 thoughts on “Letzte Ausfahrt Cut – Wie mir ein Riesenriss im Mittelfinger schöne Durchstiegsaussichten in Via de la Capella (9b) in Siurana eine Woche vor Schluss zunichte macht.”

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