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Die ersten Berge, die erste Natur. Die Sierra Chica nordöstlich von Cordoba.

Wir warten noch auf das Hanta. Wir warten noch auf unseren Fahrzeugschein. Und kreieren uns schon einmal ein nächstes Problem: Wir verlieren unser vorderes Nummernschild. Derweil zieht eine Sturmfront über Colonia, das Städtchen mit Weltkulturerbe-Auszeichnung, in dem wir seit Mitte der Woche weilen, hinweg.

Am Dienstag dann endlich der Brief aus Deutschland. Die Reise kann beginnen! (Sofern man uns ohne Kennzeichen nach Argentinien herein lässt. Versicherung haben wir auch noch keine.) Aber Europa ist noch nicht ganz aus uns draußen. Noch regt sich in uns drinnen ein anerzogener Widerstand Regeln Regeln sein zu lassen und ansonsten den Tag zu genießen. Stimmt, die Bremse ist auch noch nicht repariert.

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Pampa unter Wasser. Die ersten paar tausend Kilometer (oder zumindestens die ersten 1000) auf dem Weg Richtung Altiplano sind flacher als Holland und nach einer heftigen Regenzeit auch schon mal blau wie der Himmel über uns.

Wir preschen der unendlichen Pampa entgegen, in der statt Kühen fast nur noch Soja steht, für die Massentierhaltung zuhause, damit dann „deutsches Rind“ darauf stehen kann. Die Monokultur verarmt die Tierwelt, was man vor allem an den wenigen Kadavern am Straßenrand ermessen kann. Vor meinem inneren Auge lasse ich zur Beruhigung gegen die nahende Grenze die technischen Defekte und bürokratischen Unzulänglichkeiten Revue passieren, die uns bislang auf dem ersten Teil unserer Reise 2016 begleitet haben: 2000km von Santiago nach Süden ganz ohne Papiere (für Mensch und Maschine) im Januar 2016; 800km Carretarra Austral ganz ohne Abblendlicht (darunter einige Polizeikontrollen unter Fernlicht); zwei Monate ohne Versicherung ab April letzten Jahres und seit 3000km ein durchschlagenes Bremskabel auf der Hinterachse. Und so weiter. Schon fühle ich mich besser angesichts unserer aktuell nicht „vollständigen“ Situation.

An der Grenze interessiert sich dann überhaupt niemand für unsere Sorgen. Erst eine argentinische Region weiter gibt uns jemand eine Buße, die wir aber nicht zu bezahlen brauchen, wie man uns erklärt (verschiedene Polizisten erklären verschiedene Dinge, aber wir glauben natürlich dem, der auf nicht bezahlen plädiert).

Die Reise führt uns weiter Richtung Norden erst den Rio de la Plata, dann den Rio Uruguay und schließlich den Rio Parana entlang. Es dauert einige Zeit, bis das gegenüberliegene Ufer in Sicht kommt und das nur, weil sich der Fluss in mehrere Arme aufteilt, von denen jeder breiter ist, als der größte Strom, den ich bislang gesehen hatte: Die Donau in Rumänien.

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Die Grenze zwischen Uruguay und Argentinien. Der Rio Uruguay.

Dann schluckt uns die Ebene und der Abend entlässt uns in ein weiteres hydrologisches Superlativ: Ein See, dessen Ufer nicht einmal die Drohne in 400m Höhe erkennen kann – die Laguna Mar Chicita östlich von Cordoba. Wir vergleichen auf Google Maps und müssen einräumen, das der Supersee meiner Kindheit, der Aralsee, inzwischen kleiner (weil weitestgehend ausgetrocknet) ist, als dieser hier (nur der Ladoga-See bei Sankt Petersburg ist größer).

Und schließlich, nach zehn Tagen on the road, wellt sich der Horizont zum ersten Mal ein ganz klein wenig auf und kurz darauf tauchen wir in unser erstes Gebirge ein – die Sierra Chica nördlich von Cordoba. Sprunghaft steigen mit dem wiederaufkommenden Brachland die Zahl der (sogar lebendigen) Tiere an, Papageien und Meerschweinchen, Kara-Karas und gelegentlich auch noch ein Haushund, aber die Besiedlungen werden rarer und das Gras scheint gläsern in der Sonne. Wir haben unseren ersten „Must-Stop“, wo einem vor Staunen der Gasfuß auf die Bremse rutscht und man nur noch gucken kann (und erst nach einigen Minuten nach unten zur Kamera greifen kann).

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Goldenes Gras und wehende Weite. Die Sierra Chica.

Und abends rollen wir zwischen den ersten Felsen ein: Capilla del Monte, los Mogotes. Ein Auenland an einem Bach mit Blöcken überall. Irgendwo zwischen Kitsch und ungefähre Anlehnung ans Paradies. Nach zehn Ruhetagen jucken mir die Finger, aber die relative Langsamkeit hat sich schon für unser erstes Stück Strecke, diese an kulturellen und landschaftlichen Highlights noch eher arme Pampa-Gegend, gelohnt. Uns bleiben weit mehr Eindrücke und Bilder dieser ersten 1000 Kilometer und dass wir nun einen Tag länger als absolut minimal möglich unterwegs waren, who cares? Unsere nächsten Ziele werden wir wohl noch entspannter ansteuern, denn jetzt kommen die Nationalparks der Anden. Zunächst aber einmal ran an den Speck (in Form von Felsen)!

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Felsen! (Unter Highline in Capilla del Monte)

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