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Kalte Luft und heißes Wasser. Was will man mehr? Ein paar Vulkane als Stafette? Lamas und Straußen? Eine Salzebene so groß wie ein Landkreis? Keine Seele weit und breit?…

Es ist einmal mehr Zeit für die Superkräfte des Altiplano (zu vergleichen mit einer Art chronischen Stresszustandes für den Organismus, der auf Grund der Höhe alle Art von Schwäche und Müdigkeit bis zur nächsten Chance auf Erholung unterdrückt). Unser Plan war eigentlich gewesen nach El Eden nahe Potosi in Bolivien zu fahren. Dann bekommen wir die Info, dass dort der Fels schweren Routen nicht standhält und beschließen zunächst nach Norden entlang der Grenze durch zwei chilenische Nationalparks bis zum Hauptübergang nach Bolivien südlich von La Paz zu fahren.

Noch auf dem Weg zur Abzweigung nahe Colchane überfällt uns aber der Einfall vielleicht doch besser endlich ins gut 300km südlich gelegene Valle de las Rocas nahe Uyuni (dort wollen wir im Grunde schon seit über einem Jahr hin) zu reisen. Klettertechnisch die erste Adresse in Bolivien und erst danach wieder nach Norden Richtung La Paz (wo in einer Woche Jeannes Mutter ankommt). Eigentlich Quatsch, aber ich habe auf diesem Kontinent eine gewisse Zurückhaltung, um nicht zu sagen Angst, vor zweitklassigen Klettergebieten entwickelt, die oft von aufrichtig freundlichen Mitkletterern empfohlen werden, die sich aber einfach nicht vorstellen können, wie viel Druck in einer 9a auf einen Griff ausgeübt wird.

Wir machen uns also des Nachts auf die lange Piste entlang der bolivianischen Grenze in Richtung Süden nach Ollagüe auf. Die Straße ist erst geteert und super, dann folgt eine der für den Norden Chiles typischen konsolidierten Dirtroads und schließlich rückt ein Kamm aus im Mondschein vor Schneeresten leuchtenden Bergen auf uns zu. Wir befinden uns irgendwo jenseits der 4000m und sehen der Hemisphäre entsprechend auf die eher apere Nordseite.

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Lamahüter Jules im Nationalpark Isluga.

Die Steilheit zieht an und der Motor irgendwann nicht mehr so ganz. Draußen herrschen vermutlich um die minus zehn Grad und die 4500m haben wir sicher auch schon länger überschritten. Dann gesellen sich Steine zum Bild der Scheinwerfer vor uns. Erst kleine, dann fußballgroße. Aber es gibt immer noch einen Weg dazwischen hindurch. Schließlich etwas Restschnee auf den Seiten. Dann eine Rampe, die wir erst im zweiten Anlauf hochkommen (der Turbo schaltet sich selten aber immer wieder gerne in hohen Höhen ab). Vor dem Ausmachen des Motors, das dieses Problem meist behebt, haben wir allerdings auch einigen Respekt, nachdem dieser vor allem kalt über 4000m schlecht startet und wir erst vor ein paar Tagen mit leerer Batterie in Tajgrapata ein Taxi um Hilfe bitten mussten (dieses hielt nach einem Dutzend Vorübergefahrener nur, weil Jeanne dem Fahrer einen Stinkefinger zeigte).

Jedenfalls erreichen wir den Pass (der ziemlich sicher höchste Punkt in unser aller Leben), ohne ein anderes Auto seit 60km gesehen zu haben. Ich will mich schon in die von Steinen und Schneeresten beengte Abfahrt werfen (es ist elf Uhr und um die minus 15 Grad), da lässt mich die Aussicht doch noch einmal zögern und halten. Nur wenige Meter unterhalb schiebt sich eine Platte aus glänzendem Weiß in und über die Straße. Ich erkunde zu Fuß und falle beinahe in die Schlucht zur Linken. Der eingeblasene Altschnee ist einen Meter dick und praktisch schon Eis. Irgendjemand hat versucht hindurch zu fahren, als er noch weicher war, alle andere drehten um. (Obwohl schon 50m weiter wieder der normale Staubbelag schimmert.)

So auch wir. Kein Schild wies darauf hin, dass diese Straße schon seit dem schlechten Wetter vor einem Monat unpassierbar ist. Wir müssen 60km zurück und sind doch frohen Mutes. Man stelle sich vor, die blockierte Passage wäre erst nach ein paar Kilometern steiler Abfahrt ohne Wendemöglichkeit gekommen. Auf knapp 5000m, in denen der Bus schon vorwärts nicht den Berg hinaufkam…

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Auch Flamingos baden gerne warm. Bzw. heiß. 66° Grad hat das Wasser an dieser Stelle des Beckens.

Das Schicksal zahlt sich aus. Wir kehren zu alter Planstätte zurück uns fahren nach Norden. Zunächst zu den Thermen von Enquelge, wo wir um ein Uhr Nachts vollkommen erschöpft ankommen (es ist noch immer der Tag des Doppeldurchstieges meiner 8c+ in Tajgrapata). Den nächsten Morgen verbringen wir im 30° warmen, glasklaren Wasser, umgeben von gelben Salzwiesen und Lamas. Wir quatschen mit den einheimischen Indios, die zum beinahe ersten Mal ganz untouristisch original sind, dann setzen wir unseren Weg weiter in den malerischen Park fort. Irgendwo fahren wir aus Versehen kurz nach Bolivien, was man außer an ein paar Fähnchen direkt an der Straße erkennt. Auf erneut knapp 4500m öffnen sich vor uns plötzlich tiefe Gräben in einer 15%-Steigung, so dass wir mir einem Rad in den Büschen und nur mit einer gehörigen Portion Angriffslust oben ankommen. Denn es gilt: Wer zögert, der verliert (den Schwung, vielleicht einen Reifen, ein Stück Unterboden, usw.). Ein tolles Stück Weg für einen Jeep, nur wiegen wir drei Tonnen und haben nicht einmal 4WD.

Dann öffnet sich die Salzebene von Surire vor uns. Wir müssen tatsächlich lächeln (franz. sourire), aber das ist nur der Anfang. Eigentlich kommen wir gerade erst aus der letzten warmen Quelle, aber hier wartet gleich eine ganze geologische Formation aus solchen auf und also fahren wir zum größten der Becken. Von leicht oberhalb kommend, stehen wir auf einmal über einem Stück Nachwelt, wie es sich nicht einmal die Autoren der Bibel einfallen ließen. Türkises Wasser, blubbernde Blasen, Dampf und 30km freie Sicht über den Salar. Aber das ist nur der visuelle Eindruck. Taktil treffen sich hier tatsächlich alle biblischen Versionen des Jenseits. Im Zentrum des Beckens höllische 66° und im Ablauf der graduelle Verlauf ins Himmlische. Wir finden uns bei knapp 40° ein, wie Gott uns schuf versteht sich. Die nächste sterbliche Seele befindet sich Kilometer entfernt und Geister scheren uns nicht.

Natürlich bleiben wir die Nacht. Die kälteste der Reise (zum ersten Mal friert die Wasserpumpe im Bus) und also vermutlich minus zwanzig. Dazu fast Vollmond und knapp 4300m. Um sechs stehen wir auf und schäfern in der Quelle mit dem Dampf um die Wette dem Sonnenaufgang entgegen. Gott vergisst sich einen Moment lang, aber auch das gehört zur Schöpfung. Allein wir werden dieses eine Stunde aus Gegenlicht und Liebe wohl nicht mehr vergessen. Schwefel hängt uns in den Haaren und erst um neun beginnt das Eis am Rand der Quelle zu schmelzen. Wir frühstücken im heißen Wasser stehend.

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Wärmetauscher zwischen Fuß (ca. 45°) und Kopf (-5°) zum Frühstück.

Am Abend stehen wir dann nach abermals malerischer Fahrt unter Lamas, Flamingos und Vulkanen an der Grenze nach Bolivien auf 4750m und erinnern uns fröstelnd daran, warum wir Trump, Putin, Le Pen, May und dergleichen so hassen und ein offenes Europa die beste Erfindung seit dem Rad ist. Nach knapp zwei Stunden sind wir trotzdem durch die Grenze und verkriechen und noch am Abend über erneut 100% Jeep-Terrain zu einem Geysir unterhalb des 6500m hohen Sajama. Ein Berg, hätten ihn die Schweizer bei sich im Wallis, er wäre auf jede Schoki und auch auf so manchem Finanzprodukt gedruckt.

Morgens bestaunen wir die Farben aus dem inneren der heißen Erde und kochen im mineralischen Sprudeln Eier (offensichtlich ein Muss angesichts der Schalen überall). In gleichnamigen Nationalpark steht auch der höchste Wald der Erde auf knapp 4500m. Manche der rothäutigen Büsche erinnern tatsächlich an Bäume.

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Die Grenze nach Bolvien. Volcan Parinacota über Lago Chungara.

An solche erinnern dann aber doch eher die Felsen etwas tiefer. Allein auch hier finden wir den Wald vor lauter Bäumen nicht und enden schließlich in einem sympathischen Dorf (Curahuara) mit dem wohl lustigsten Klettersektor der Welt (außerdem einem der ersten des Landes und ehemals internationales Magnet). Malerisch sind nicht nur die Pfeile für den Routenverlauf, die Kreise um die Haken und die Bilder überall, sondern auch die goldenen Langschaft voller Hüttchen und Getier.

Wir klettern einige wunderbare Routen und seit sehr langem einmal wieder onsight und als wir des Abends weiter Richtung La Paz und unserem Freund Juan reisen wollen, springt einmal mehr der Motor nicht an und erst nach einer halben Stunde Tauschen der beiden Batterien und allgemeinem Probieren starten wir durch Zufall, weil ich vergesse die sonst obligate Bremse zu drücken. Die ehemals von der Polizei umgebaute Elektronik bleibt ein Geheimnis, ähnlich jenem des Urknalls. Man kann sich annähern, verstehen wird man nie.

Ähnliches gilt auch für dieses für uns neue Land, Bolivien. Wie wir noch am selben Abend beginnen werden zu begreifen.

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Heiße, bunte Becken im Nationalpark Sajama, Bolivien.

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