Abschied aus dem extremen Süden. (Versuch einer grünen Reise, Kapitel 12, 29.02. – 09.03.16)

El Chalten endet, wie ich es sollte, mit einem Ausrufezeichen. Allerdings einem umgekehrten. Vielleicht wie im Spanischen. Eine gute Woche sind wir noch einmal hier gewesen, nach vier Wochen Puerto Natales, meinem schwersten Boulder seit fast einem Jahr, The cold and smelly breath of death, und noch einem Tag am Glaciar Moreno in El Calafate. Ein bisschen trekken stand in Chalten auf dem Programm, den Jahrhundertsommer, der sich langsam Richtung Herbst eingilbt, genießen und natürlich ein paar Projekte knipsen für die ich in der ersten Woche hier Mitte Januar noch zu schwach war. Nach zwei Monaten praktisch ohne Felskontakt (über den Dezember).

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Just another post card view.

Jetzt ist vieles anders. Das merke ich schnell. Ein offenes Projekt, das laut Locals so bei 8A+ eincheckt, und das ich schon einmal kurz probieren konnte, fällt auch bei sehr suboptimalen Bedingungen in wenigen Versuchen, kleine Löcher, steil und anhaltend. Genau mein Ding. Wie auch The cold and smelly breath of death, um das es hier ja eigentlich geht. Wie schwer ich es bewerten werde, hängt in erster Linie von meiner Form hier in Chalten ab. Die Bedingungen auf Granit sind bei erneut um die 20° noch weit von gut entfernt, in Puerto Natales waren sie auf dem für eher moderate Temperaturen gemachten sehr feinen Sedimentgestein schon sehr gut. Vom Stil her lag mir die Kletterei dort und besonders das Projekt fast perfekt, traversierend, kleine Griffe, hohe Präzision. Meine Vorhaben in Chalten passen mir alle auch nicht schlecht, aber keines so gut. Sollte mir hier 8B in zwei bis drei Sessions und nach moderater Erholung gelingen, dann kann ich The breath of death (10 volle Session) sorglos als glatt 8C bewerten.

Wasabi heißt die erste meiner beiden noch offenen 8B. Eine halbe Session habe ich vor fünf Wochen investiert. Dabei gingen in einem 25 Zug Boulder zwei Züge nicht einmal. Jetzt ist alles anders, nach insgesamt sechs Wochen zurück im Training ist die Durchstiegsform von Meiose, 9b, aus dem November schon fast wieder da. Nur das Gewicht noch nicht. Südamerika macht es schwer, sich ordentlich zu ernähren. Dafür macht das ganze Junk Food Spaß. In einer weiteren halben Session komme ich in Wasabi bereits bis an die zweite Crux. Kraftausdauer, die man auf diese Distanz beinahe braucht, habe ich allerdings natürlich noch keine.

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Hochmoor, der Sattel zwischen Pampa und Eis.

Für El ultimo Mate, 8B, die Traumlinie El Chaltens, die als ziemliches Brett gilt in einem Gebiet, in dem nicht leicht bewertet wird, ist es noch sehr warm, ich spüre im Vergleich zur ersten Session sechs Wochen zuvor bei kühlem, windigem Wetter nur leichte Fortschritte. Außerdem hält der alles entscheidende Hook nach der Crux nur ein von drei Mal mit meinen Schuhen. Bei allem Lob für den Instinct von Scarpa, hier ist er einem Schuh mit „Zacken“ auf der Ferse, wie ich sie bei einem Österreicher, der die Linie auch versucht, sehe, einfach unterlegen.

Zwischendrin stellen wir uns sogar endlich und tatsächlich der Herausforderung trekken zu gehen. Zwei Tage sollen es sein, 25kg Gepäck, ein Kind zu 10kg und ein zweites zu knapp 20kg, das aber für seine bald vier Jahre schon sehr gut, wenn auch nicht immer, selber läuft. Chalten hat sich im Vergleich zum reichlich überlaufenen Januar um 70% geleert und wir entdecken die Hochmoore unter der Fitz Roy Kette. Eine der schönsten Landschaften, derer ich bisher Zeuge wurde. Knorrige Eichenwälder, offener Torf, Seen und über allem und immer diese Nadeln aus Granit. Uns ereilt die „Fitzroyeristis“, diese Krankheit die den rechten Zeigefinger immer dann impulsiv und unkontrollierbar zucken lässt, wenn Berg und Kamera zusammentreffen. Ist halt auch zu schön. Jules erhält 134 Lobreden in allen Sprachen. Er läuft schneller die 400 Höhenmeter zur Laguna de los Tres hinauf als so mancher (ältere) Wanderer.

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Nandu auf dem Weg zum See. Dem türkisen.

Das Wandern ergibt ein paar Ruhetage. Ideal für die Projekte. Warm ist es immer noch, aber mitunter windig. Wasabi läuft super. Zweite Session und nach ein paar Versuchen hänge ich bereits nach dem Ende der Schwierigkeiten in sechs Metern Höhe vor zwei Metern leichten Ausstiegs. Recht gepumpt. Was mit Seil kein Problem wäre, traue ich mich angesichts nur einer Spotterin, zwei spielenden Kindern und einer dicken Wurzel im Aufsprunggelände leider nicht. Und springe ab.

Drei Tage später bin ich wieder da, um auch eine saubere Begehung einzustreichen. Die Vorbereitung ist leider etwas aus dem Ruder gelaufen, wir haben die halbe Nacht Carcasonne (ein Gesellschaftsspiel) gespielt, eine dicke Pizza und ein großes Bier zu Mittag konsumiert und kommen nach einer Siesta erst drei Stunden vor Sonnenuntergang los. Es soll der letzte Tag Chalten sein, ich habe leichte Probleme mit dem Handgelenk, das ich nach nun fast acht Wochen intensiven Boulderns etwas schonen will, und Jeanne sehnt sich nach dem Norden. Carretera Austral und Chiloe, wo sie vor zehn Jahren sechs Monate lebte. Ich lege mich also fest: Was heute noch geht, geht, der Rest bleibt wo er ist. Wahrscheinlich.

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Bevor die Landschaft nicht mehr ist noch ein paar Hügel.

Wir kommen also zum umgekehrten Ausrufezeichen. Ich fühle mich angesichts der Vorbereitung nicht wirklich prickelnd, will aber den Ausstieg auf jeden Fall einmal zum Aufwärmen raus klettern, dass ich später dann auch genau weiß, was ich machen muss. Auf die zweite Crux folgt ein recht guter Ruhepunkt, zwei weitere Meter an, unter anderem, Untergriffen. Bester Granit. Schöner Wind.

Pustekuchen. Auf 5,5m ein großer Untergriff, unten eine Lage Pads, und bamm fliegt mir das Ding um die Ohren. Wie ein Embryo schieße ich aus der Wand, Jeanne kann nichts gegen oder für meinen Flug tun und so schlage ich den Allerwertesten zuerst auf den Matten ein. „Uuach!“, machen meine Lungen und entledigen sich ihren Inhalts. Gehört zu meinen unangenehmsten Abgängen. Viel ist nicht passiert, aber der Schock (Adrenalin volle Pulle gerade noch, Adrenalin nix mehr, jetzt) lähmt mich, und ich bekomme kaum noch die Einzelzüge für ein paar Bilder hin. Keine wirkliche Perspektive auf einen Durchstieg mehr. Auch weil das Ganze jetzt an einer sehr unangenehmen Stelle eine gute Ecke schwerer ist. Aber der Grip wird besser. Nur noch gut zehn Grad.

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Sonne neben Ms. Saint-Exupéry.

Wir ziehen also noch hoch zu El ultimo Mate, um auch dort ein paar Bilder zu schießen. Natürlich erwarte ich mir nichts, der Sturz sitzt mir wortwörtlich in den Knochen. Zwei Sessions habe ich hier gemacht, die ersten drei Züge, die Crux, konnte ich noch nicht zusammenhängen. Danach heißt es dranbleiben und auf den Schuh hoffen. Ich lege also locker die beiden Matten aus, die wir hoch genommen haben, es geht ja nur um den ersten und zweiten Zug. Jeanne stellt sich ein paar Meter weiter mit der Kamera auf. Ich setze an und – ziehe die Crux. Hänge im 50° Dach an zwei beschissenen Leisten, jenseits der Matten. So kann ich den Hook nicht setzen, zu gefährlich. Jeanne rennt und zieht die Pads in Position, zehn, fünfzehn Sekunden ohne Tritt und ohne Bewegung. Leicht schaukelnd und im 90°-Winkel blockiert. Ich komme mir reichlich dumm vor. Und tropfe in der Folge einen Griff vor dem Henkel ab.

Ich kann mich nicht ärgern. Das war viel zu geil. Ohne 15 Sekunden Zwangspause wird so etwas schon einmal zum Lucky Punch vor der Abreise, wie er mir schon so oft gelungen ist. So bleibt es bei einem super Versuch. Die Nacht kommt und ich habe noch zwei Versuche, allerdings mit einem leichten technischen Fehler, den ich erst im letzten Versuch entlarve, welcher noch einmal am Hook endet. Jeder echte Kletter würde jetzt bleiben, für so eine Linie, aber dies hier ist eben nicht nur mein Egotrip, sondern ein sehr langer Familienausflug und außerdem ist das Wetter wieder wärmer angesagt. Zählt man die unsaubere Begehung von Wasabi nicht, konnte ich in Chalten so zwar nur eine Handvoll 8A und 8A+ klettern, aber so schön ist das Kletterleben eben nach dem Ende aller Sponsoren: Voll entspannt.

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AAAbfangen….! Dauert manchmal länger, als man denkt. Wasabi, 8B.

Chalten bleibt uns auch so als außergewöhnlich in Erinnerung. Auch wegen der Boulder, für die man aber getrost auch in den Alpen bleiben kann oder in Norwegen, vor allem aber wegen der Landschaft, der Lage und diesem Traum, dem auch ich mich als Sportkletterer und Boulderer, der ich als Vater zweier Kinder geworden bin, nicht verschließen kann, nicht will: Der Traum von diesen Bergen, den echten, diesen Wänden, wie sie weltweit tatsächlich ihresgleichen suchen. Erfolglose Suche vermutlich. Werde ich eines Tages wirklich für Cerro Torre oder dergleichen anreisen?

Was meine noch offene Bewertung angeht, hätte ich guten Grund The cold and smelly breath if death in Dorotea, Natales, Patagonia, Chile, mit 8C zu bewerten, so viel, viel leichter und (vier mal) schneller zu machen sind auch die harten 8B bei weit schlechteren Bedingungen hier, aber mir gefällt mein Gewicht noch nicht voll und meine 8Cs am Cousimbert sind eindeutig schwerer. Ich werde es also bei 8B+/8C belassen. Ist ja auch sehr schwer und soweit ich weiß unter den härtesten zwei Problemen Lateinamerikas.

Nach zwei Monaten in sehr langsamen Tempo und ganz im Sinne des von uns versuchten grüneren Reisens ruft uns von neuem die Straße. Und zwar nicht irgendeine, berüchtigt darf sie sich zumindest nennen: Carretera Austral. Die schlechteste Hauptachse Chiles. Von vielen Reisenden als für unseren Bus als kaum machbar eingestuft. Wir freuen uns!

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Ciao, Cerro!

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