Tajgrapata oberhalb von Iquique überrascht uns nicht nur mit der Freundlichkeit und Hingabe der Menschen, sondern auch mit einer erneut schier unbegrenzten Menge an bestem Vulkangestein.

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Auf dem Weg in die 2. Crux von Rocoto Love.

Unser letztes Video zirkuliert bereits im Netz, die 9a macht ihre Runden, da sind wir schon wieder eingetaucht in die Abgeschnittenheit des Reisens in Höhen oberhalb von Internet und Handynetz. Trotzdem ließt Jeanne glücklicherweise meine Nachrichten und damit auch die Einladung Rodrigos zum Kletterfestival seines Clubs auf das Altiplano über Iquique zu kommen. Socaire hat noch immer den Schneeanzug an und Bolivien erreichen wir auch über Chiles hohen Norden.

So erwachen wir pünktlich zum Fest an einem lauen Samstagmorgen unter Leuten und inmitten von Fels. Dies hier ist keine Schlucht wie in Socaire und auch kein offen mit Bouldern überzogenes Tal wie Tuzgle, eher handelt es sich um einen auserodierten Hang voller Pilze, Bäuche und Boulder, die in ihrer Form am ehesten an die Gorge du Tarn erinnern, in Sachen Fels aber ziemlich genau an Tuzgle. Nur in viel wärmer. Trotz der Höhe liegt kaum Schnee und außerdem nicht auf unserer (Nord-)Seite, die Nächte flirten nicht mit der -20° Marke, sondern höchstens mit den -5° und Wind erreicht uns in den ersten Tagen gar keiner.

Die lokalen Kletterer, die aus dem ganzen Norden des Landes, sowie aus Bolivien angereist sind, empfangen uns so herzlich, wie ich es noch nicht erleben durfte. Laden die gesamte Familie zu den drei Tagen Fest mit Vollverpflegung inklusive zweier BBQs, Djs und Riesenlagerfeuer ein, stellen uns und unserer neuen Bohrmaschine 50 Spits zur Verfügung und führen uns unermüdlich durch das weitverzweigte Labyrinth aus rot-orangem Fels.

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Party heißt in Chile grillen. Auch wenn es minus 15 kalt ist.

Bereits am ersten Tag fällt mir ähnlich zu Socaire eine Linie in die Arme und die Augen, die genau das darstellt, was ich suche. Ein bisschen leichter als Ruta de Cobre, ein komplett anderer Stil (fast volles Dach), um den Fingern ein bisschen Ruhe zu gönnen, aber ebenso genial, weil athletisch, rau, kreativ und photogen. Beste Bedingungen natürlich – wie immer auf dem Altiplano.

Tags darauf zeigt man uns das Labyrinth einen Kilometer weiter nördlich. Schon der straßennahe Sektor in Tajgrapata bietet Platz für geschätzte 3000 Boulder und ungezählte Routen bis 25m Höhe, das hier schießt aber eindeutig die wenigen Vögel vom Himmel ab. Die Wandhöhe steilt auf knappe 100m auf, das Pilzige, das ja nicht immer die klarsten Linien auf den Fotos ergibt, wird untergraben von der ein oder anderen 50m-Klinge in wildesten Farben und einer hier vollkommen aller Zivilisation entrückten Wildnis. Nur der Zustieg, der ein kurzes Stück Abseilen beinhaltet, ist leider nicht besonders kindertauglich. Ich erwehre mich vorsichtshalber meiner eigenen Routenerschließerträume. Habe ich ja bereits ein 8c+ Projekt und wollen wir neben Bolivien auch noch einmal nach Tuzgle und eine 9a+ in Socaire steht ja auch noch auf dem Zettel. Für gut zwei Monate ein absolut ausreichend stattliches Programm.

So warm die Tage sind, so schnell verliert sich ihre Güte unter den perversen Sternen einer stahlkalten Nacht. Wir merken, als wir die Kinder winterfest für das Fest ausstatten, dass dies hier im Grunde der erste Abend im Freien in knapp zwei Monaten auf 4000m ist. Bislang hatten wir die draußen campenden Kletterer immer in unseren Bus eingeladen, jetzt rangieren wir zwischen drei bis vier Schichten und dicker Daune obendrauf. Inklusive Feuer, Grill und vor allem Tanzen reicht es genau um nicht zu erfrieren.

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Nach bisher sehr kühlem Altiplanowetter weiter südlich endlich Frühstück im Freien.

Bereits am ersten Tag entgehe ich dem einen oder anderen Selfie nicht, beim ersten Ausbouldern meiner neuen Route habe ich ein knappes Dutzend Zuschauer, jeder lädt uns in sein Heimgebiet ein und am zweiten Abend schenkt man mir (zu den ganzen Sachen, die man uns bereits geschenkt hat) auch noch unter einer Dankesrede für unser Kommen einen selbstgemachten Chalkbag. Zum Glück kann ich mich hinter meiner Tochter, die ich auf dem Arm trage, verstecken. Zwischenzeitlich glaube ich das Gröbste (grob ist hier nur die Redewendung, natürlich fühlt sich all diese Zuwendung sehr gut an) überstanden zu haben, aber dann rückt der Montag und damit der Abschluss des Festivals heran und jeder der noch kein Selfie mit mir hat, der will jetzt eins. Außerdem überlässt man uns die üppigen Reste des Festes und die Kiste Haken (vielleicht etwas unvorsichtig angesichts der Linien, die man hier erschließen kann). Kurz frage ich mich, was hier eigentlich anders ist als zum Beispiel in meiner ehemaligen Wahlheimat Schweiz. Klar ist das Niveau hier tiefer und gehen bereits nach ein paar Monaten auf diesem Kontinent ein nicht unerheblicher Teil der schwersten Boudler und Routen auf mein Konto, aber das gilt für die Schweiz nach acht Jahren auch (und absolut habe ich dort natürlich weit mehr und weit Schwereres erstbegangen). Zwar traf ich innerhalb des Kantons (Fribourg) und wohl auch der Westschweiz im Gesamten auf viele Freunde und viel Unterstützung, jenseits dieser Grenzen wurde aber stets mit Argwohn betrachtet, was wir in Charmey, dem Jansegg, den Gastlosen oder dem Cousimbert so trieben. Und hier spreche ich gerade so kommunikationsfähig die Landessprache, habe keine Familie gegründet und keine acht Jahre meines Lebens verbracht und obwohl es wohl auch nicht mehr Kletterer gibt als unter Eidgenossen, wird jedes Video zehnmal häufiger geteilt, bekunden Menschen, die ich nie gesehen habe und wohl nie sehen werde, ihre Anteilnahme und ihren Zuspruch. Dabei könnten man sich hier über westliche Imperialisten berechtigt aufregen. Von Neid oder Missgunst keine Spur. Da kann Europa in vielen Teilen noch nachholen.

Andere Länder, andere Sitten.

Und Montagabend ist wieder Tabula Rasa und ich muss Jules erklären, warum die Leute alle Fotos mit mir wollten.

Wir tauchen für drei Ruhetage nach Iquique ab, beheben 20 Fehlermeldungen in unserem Bus und einen lockeren Airbag, der gerne von alleine hupt, staunen über die Hingabe der Chilenen zum Confed-Cup (während des Halbfinales versammelt sich der gesamte Baumarkt vor einem Fernseher in der Mitte) und genießen weiterhin Rodrigos Gastfreundlichkeit. Er hat an seine Boulderhalle angeschlossen eine Art Wohnung, die zwischen drinnen und draußen keinen wirklichen Unterschied kennt, da es in Iquique am Pazifik stets zwischen 17 und 24 Grad warm ist. Auch die Katze bekommt ihre Einreisepapiere nach Bolivien und dann brechen wir auch schon wieder auf 4000m Höhe auf.

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Ein kleiner Einblick in das Potenzial rechts der Straße. Die Formation auf dem Bild ist insgesamt knapp 100m hoch.

Nach zwei weiteren Tagen in meinem Projekt in Tajgrapata und insgesamt elf Versuchen falle ich nur noch knapp vom erlösenden Griff ab und bekomme trotz nur vier Nächten in der Tiefe wieder einmal zu spüren, wie bitterböse sich eine auch nur ganz leicht suboptimale Höhenanpassung in athletischen Routen wie dieser anfühlt, die viele Muskelgruppen zugleich beansprucht. Nur mit speziellen Atemtechniken vor und während dem Klettern lässt sich eine einigermaßen korrekte Sauerstoffsättigung bis in die zweite Crux hinein gewährleisten. (Ich möchte nicht wissen, was jemand der zum ersten Mal hier hoch kommt, dazu sagen würde.)

Außerdem habe ich, um ermessen zu können, ob es lohnt, mich meinem Projekt in Socaire auf dem Rückweg noch einmal zu stellen, mir eine Waage gekauft. Drei Kilo weniger als beim letzten Kurzbesuch auf dem Weg nach Norden habe ich mir vorgenommen (außerdem eine im Vergleich zu diesen vier Versuchen Mitte Juni deutlich verbesserte Höhenanpassung). Jetzt sehen Jeanne (die im Grunde stets ein ähnliches Gewicht hat) und ich in einer gemeinsamen Dreisatzrechnung (denn ohne Referenzwert kann ich der Waage natürlich nicht einfach so glauben), dass ich schon jetzt nur noch wenig über der 65kg-Grenze stehe – oder soll ich fliegen sagen? Das hieße drei Kilo weniger als mit einem guten Gewicht zuhause. Und fünf Kilo entsprechen schon in etwa einem Plus auf der französischen Skala mehr. Meine Erstbegehungen bewerte ich dem Aufwand nach her aber immer noch wie zuhause. Verbessertes Gewicht und über zweimonatige Höhenanpassung (sowie das Erlernen der zahlreichen neuen oder hier verschiedenen taktischen und strategischen Elemente des Kletterns auf dem Altiplano) rechne ich gar nicht ein.

Sollte ich also einfach mal alle diese Routen einen Grad aufwerten? Wiederholen kann diese hier ohnehin niemand, selbst meine 9a in Piedra Parada (dem wohl am stärksten frequentiertesten Routengebiet des Kontinents) von vor einem Jahr erwehrt sich mühelos weiter aller solcher Versuche…

Bei meiner Route hier in Tajgrapata kommt zumindest kein krasser Liegfaktor wie in Socaire mit dazu, dafür liegt sie aber noch einmal 400m höher und verbraucht mehr Sauerstoff. Wir werden also sehen.

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Blick in rote Sedimente hinter den Sektoren.

Zunächst nur das immer wärmere Wetter, das nach einer kurzen Störung und etwas Schnee am ersten Tag nach dem Wiederaufstieg nun wieder gewohnt blau und zudem windstill ist. Und dann die Kehrseite der kurz gestörten Akklimatisierung. Nach einem Ruhetag und einer seriösen Vorbereitung auf das Projekt (Siesta, kein Milchkaffee direkt vor den Versuchen, ausreichend Raum zu einem leichten Mittagessen, zehnminütiges Hyperventilieren, usw.) kann ich die Route, die wohl Rocoto Love heißen wird, gleich zweimal klettern. Einmal einfach so und noch einmal für die Kameras. Diese werden angesichts eines akuten Mangels am Crew (den Aussagen auch am Wochenende nach dem Festival wären jede Menge Leute im Gebiet, ist leider niemand nachgekommen) von Jules und jeder Menge Stative bedient.

Angesichts der Versuchsanzahl (12), meines Gewichts (67kg), der Höhe (4000m) und des technisch anspruchsvollen Stils entscheide ich mich für den Grad 8c+. Rocoto (eine noch aromatischere als sau scharfe Chili) Love führt durch ein 60°-Dach mit einer ersten 7B+ Crux zu dessen seitlich verlaufender Kante inklusive eines passablen Ruhepunktes, der aber eben durch seine Steilheit und seinen Hook die Atmung nicht wirklich entlastet, in einen mit wunderschönen Bewegungen gespickten traversierenden 7C Boulder. Den Abschluss bietet eine 6a im Stil des Gebiets: Gutgriffig, bester Fels, tolle Farben. Nur der Seilzug ist nicht ganz unerheblich.

Leider verletze ich mich ein bisschen am Arm, aber es stehen ohnehin ein paar Tage Tourismus auf dem Weg nach Bolivien ins Haus, oder besser in den wiedergenesenen Bus.

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Perfekt für schwindelfreie Kinder. Der Steinwald von Tajgrapata.

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