Vorbei an zwei leblosen Körpern zu einem kurzen Besuch im winterlichen Socaire. Kapitel 12 (19.06. – 22.06.)

Sie erinnern tatsächlich viel mehr an die Füße eines Vogels als die gezackten Barrieren aus Need For Speed III, die meine bisher einzige (wenn auch digitale) Begegnung mit dieser Methode, einen Reifen zu zerstören, sind. Jetzt liegen sie hier vor mir und wir spaßen mit dem Mechaniker, es handele sich in einem Land, das fast alles aus China importiert, hier ausnahmsweise um echte chilenische Handarbeit. Auch im Vorderreifen steckt ein zerbrochenes Exemplar.

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Am Strand bei Caldera mit einer kilometerlangen Spur Kormoranen über dem Ozean.

Wir waren am späten Nachmittag in Punitaqui aufgebrochen auf die Reise zurück in den hoffentlich wieder schneefreien Norden, dessen Hochebenen wir ja eigentlich bereisen wollen, die aber in einem sogenannten El-Nino-Jahr mitunter sehr unwirtliche weiße und windige Seiten aufzeigen. Jetzt fahren wir auf der wohl besten Straße Südamerikas, der Ruta 5, die Chile von fast ganz im Süden bis fast ganz im Norden durchzieht, dahin. Autobahn, Doppelspur. Bester Asphalt. Dies hier hat nichts mit dem für Augen und Hirn anstrengendem Fahren auf endlosen Pisten voller Löcher und spitzer Steine zu tun. Vor allem bei Dunkelheit. Das hier erinnert stark an Zuhause. Nur die Maut ist viel geringer.

Wir unterhalten uns vorne, Jules schläft hinten in seinem Bett, Aliénor in ihrem Kinderstuhl zwischen unseren Sitzen. Ich blicke nicht ganz genau auf den Straßenbelag vor mir. Wieso auch, ist ja seit 200km alles dunkelgrau und gleich glatt. Nicht ein Schlagloch, nicht eine Spurrille. Dann kracht es auf einmal und ich habe nicht aktiv gesehen, was wir gerade mit dem linken Vorderreifen überfahren haben, aber irgendeine visuelle Schleife in meinem Gehirn meint sich an etwas Helles (eine Schachtel?) zu erinnern. Wir wachen aus unserem Gespräch auf, ansonsten passiert nichts. Die Autobahn ist nicht sehr stark befahren, wir sind aber auch keineswegs alleine. Stehend würde wohl ein Fahrzeug in der Minute vorüberkommen.

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Bei Antofagasta.

Wie weit wir nach dem Zusammenstoß mit der ominösen Schachtel noch fahren? Vielleicht zwei-, dreihundert Meter? Schwer zu sagen, denn wir achten ja erst in der Rückschau darauf. Die Strecke, deren Länge wir nicht genau kennen, ist irgendwann auf jeden Fall vorbei und auf dem Standstreifen rücken die beiden Autos mit den zwei Menschen daneben näher durch die Nacht zu uns heran. Wir wechseln die Spur und fahren etwas langsamer um niemanden zu gefährden. Vorne steht einer dieser hier so üblichen roten Pick-Ups und hinten ein Sammeltaxi, wie sie eigentlich in Städten ihre festen Routen wie kleine Busse abfahren. Nur ist hier weit und breit keine Stadt, die schwarzen Fahrzeuge mit gelben Schild auf dem Dach werden aber in der Freizeit von den Fahrern auch privat genutzt.

Wir denken uns nichts, schauen nur hin, wie man eben schaut, wenn es sonst nur eine leere Autobahn und stille, schwarze Nacht zu sehen gibt. Und wie wir das Sammeltaxi passieren, taucht da ein Mensch, liegend, leblos, (oder nur ohnmächtig?), an die Leitplanke gedrängt, die Arme irgendwie hinter dem Rücken verschränkt, auf. Nichts aber deutet auf einen Unfall hin. Die Autos sind beide unversehrt, die zwei Typen, die sich darum herum zu schaffen machen, auch. Allein, Jeanne ist Arzt und etwas weiter vorne steht noch ein Auto. Natürlich helfen wir. Fahren rechts ran, Jeanne läuft zurück, bietet Hilfeleistung an, aber man wiegelt ab. Sie erblickt den zweiten Körper, der Kopf an Kopf mit dem ersten hinter dem Taxi liegt, verharrt einen Moment, wird aber erneut zum Gehen aufgefordert. Zu seinem Begleiter zischt der Befragte nur, dieser solle sich beeilen. Jeanne weicht zurück.

Ich muss nur den Kopf zum Fenster hinaus strecken, um das wohlbekannte Pfeifen zu hören. Luft entweicht aus einem unserer Reifen. Wie immer hinten. Ich spüre Metall im Gummi und denke an ein Profil, das wir eben vielleicht überfahren haben könnten. Aber ich habe keine Lampe.

Und Jeanne steht bereits alarmiert über mir. Erzählt kurz von den Körpern und dann habe auch ich Lust, diesen Ort zu verlassen. Allein, wir können nicht wirklich. Man kann den Reifen schrumpfen sehen und zwar ist unser Bus kugelsicher, ohne aber diese hübschen Felgen verbaut zu haben, auf denen man noch so und so viele Kilometer fliehen kann.

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Yoga in der Wüste. Am Rande der Ruta 5.

Wir schaffen es noch bis zum nächsten Kiesplatz am Straßenrand einen halben Kilometer weiter und unter Zuhilfenahme eines Stapels Bücher (unser Wagenheber hat weder die richtige Höhe noch ausreichend Hub für den Bus) wechsle ich das Rad. Den mangelnden Druck im Reifen verspüre ich mit jeder Minute, die verstreicht, in meinem Rücken wachsen. Hin und wieder kommt ein Auto vorbei, Jeanne telefoniert bereits zum zweiten Mal mit der Polizei, die sich nun, da wir entdeckt haben, dass uns zwei Krähenfüße im Hinterreifen stecken, etwas interessierter zeigt, als nur angesichts zweier lebloser Körper auf dem Standstreifen.

Wir werden nicht weiter behelligt, die Geschichte ergibt so (ohne Überfall auf uns) allerdings fast noch weniger Sinn. Die beiden Typen, die noch standen, fuhren einen schönen, großen Pick-Up, waren gut gekleidet, wiesen Jeanne („Senorita“) bestimmt aber freundlich zurück. Sie hatten ihren Reifen bereits gewechselt, oder keinen Platten. Anscheinend hatten sie es dennoch eilig und waren wohl für die Position und den Zustand der beiden Leb- oder Bewusstlosen verantwortlich. Warum sonst hätten sie die Hilfe eines Arztes zurückgewiesen? Die Polizei hatten sie ebenfalls offensichtlich nicht verständigt.

Aber einfach so auf die Hauptstraße, zwei Kilometer vor der nächsten Mautstation, selbstgemachte Krähenfüße streuen, die zumindest unsere beiden Reifen nicht zum Platzen gebracht hatten? Um dann (für den Fall platzender Reifen) etwas weiter hinten zu warten, das haltende Auto zu überfallen, auszurauben, um anschließend selbst über die Autobahn (denn abfahren war zumindest vor der Mautstelle nicht offensichtlicherweise möglich) drei Euro bezahlend zu entkommen? Aber warum gleich die Insassen außer Gefecht oder außer Leben setzen? Angesichts einer vorgehaltenen Waffe rückt doch jeder Passagier seine Wertsachen heraus. Und das alles auf der Ruta 5?

Angesichts all dieser Unstimmigkeiten kommen wir zu folgender rein hypothetischer Geschichte: Das Sammeltaxi diente als Tarnung der Räuber. Diese streuten Krähenfüße auf die Straße (Warum dann die unklare, visuelle Erinnerung an eine Schachtel? Waren die Metallkreuze getarnt?), und warteten einige hundert Meter weiter auf ihre Opfer. Der rote Pick-Up hält, vielleicht wegen eines kaputten Reifens, vielleicht um in einer (zusätzlich) vorgetäuschten Notsituation zu helfen. Die beiden Insassen werden überfallen, sind aber besser bewaffnet und überwältigen ihre beiden Widersacher. Machen sie kampfunfähig, übertreiben es aber vielleicht ein bisschen (Waren die Überfallenden nicht mit Schusswaffen ausgerüstet, wurden aber trotzdem von solchen umgebracht, wäre dies vor der Polizei z.B. nicht besonders salonfähig). Aber es war kein Blut zu sehen, der Mann, der Jeanne abwies, machte nicht den Eindruck gerade jemanden umgebracht zu haben.

Und am nächsten Tag steht auch nichts in der Zeitung. Nur unser Vorderreifen ist zusätzlich platt (oder dabei es langsam zu werden). Wir schaffen es noch in die Stadt und zum Reifenflicker. Für 20€ beheben wir alle Schäden.

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Der Canyon von Socaire zwei Wochen nach dem Schnee. Noch immer liegt er im Schatten 50cm hoch.

Am nächsten Nachmittag laufen wir bereits wieder im Canyon von Socaire ein. Nach zwei Wochen auf null Metern spüren wir die Höhe des Altiplano erneut leicht (wenn auch nicht zu vergleichen mit einem Erstaufstieg), vor allem aber stoßen wir auch nach zehn Tagen noch auf die Spuren des Wintereinbruchs. In der Schlucht herrschen Sommer und Frost zugleich mit nur fünf Metern Puffer dazwischen. Nordseitig in der Sonne herrschen bei den endlich normalen Winterwetterbedingungen 30°, im Schatten friert es über dem noch immer bis zu einem halben Meter tiefen Schnee. Daunenjacken.

Mein Projekt (ebenfalls im Schatten), auf das ich mich so gefreut hatte, lässt mich ein bisschen am langen Arm verhungern. Zwei Wochen zuvor hatte ich die Crux oben einmal klettern können, die Platte unten zweimal. Diese geht immer noch, die Abschlusspassage kann ich trotz des Bouldertrainings der letzten Tage aber nicht mehr zusammenhängen. Auch am zweiten Tag komme ich nicht zurück auf das Niveau von kurz nach dem Durchstieg von Ruta de Cobre. Das liegt wahrscheinlich an drei Faktoren: Etwas weniger Sauerstoffsättigung im Blut, etwas mehr Gewicht nach zwei Wochen Futtern und nicht ganz so guten Bedingungen (auf knapp 4000m ist der Grip bei feuchterem Wetter besser, weil die Haut bei 20% relativer Feuchte glasig wird). Ich stehe resigniert vor dieser Linie meiner Träume und fasse vor dem Verlassen dieses für die Familie noch immer grenzwertig winterlichen Ortes (auch wenn die Kinder den Schnee lieben, frieren sie sich die Füße ab) den Entschluss, dieses Projekt nur noch einmal aufzusuchen, sollte ich 1. gerade vom Altiplano kommen, 2. ein paar Kilo leichter sein und 3. in prächtiger Routenform sein. Ein Satz, ein Ziel, ein Traum. Ein Gruß auf den Salar zu unseren Füßen, dann tauchen wir erneut in die Nacht über Chiles Straßen ein. Man hat uns zu einem Kletterfestival weiter im Norden eingeladen. Tajgrapata. Nie gehört, nie gesehen, soll aber eine Menge Blöcke und Routen geben. Außerdem liegt es auf 4000m. Genau unser Fall also.

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Werden wir Socaire auf dieser Reise wiedersehen?

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