Gegen das Klima zum klettertechnischen Höhepunkt unserer Reise im 3600m hoch gelegenen Socaire. Altiplano 2017 – Kapitel 10 (22.05. – 05.06.)

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Die Eröffnung des diffizilen Terrains mit einem schönen Hiinterscherer. In Kürze folgt ein Rastpunkt (bis hier ca. 8b) und in der Folge die Crux (8A/8A+).

Fahre nie an einem Regentag über einen Salzsee.

In einer Gegend, in der es eigentlich nicht regnet, scheint dieses Problem nicht sonderlich viele Menschen zu tangieren. Für uns aber, die wir auf direktem Wege aus dem Schnee in Socaire über den Salar de Atacama – in etwa 50km Salzsee und danach noch immer nicht gerade süßer Boden – an die Küste wollen, schon. Zur allgemeinen Salzschlammschlacht mit allerlei LKW kommt auch noch akuter Spritmangel unseres Sprinters. Unter anderem weil wir uns von unserem Routenplaner in eine Lithium-Mine locken lassen, von der aus wir dann wieder 30km auf die Straße zurück müssen. Am Ende rettet uns nur die lange, lange Abfahrt Richtung Pazifik, Rückensturm und ein Tanklastwagenfahrer im ersten Ort nach dem Salzsee (212km weiter Richtung Westen), der uns 20l Diesel schenkt.

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Sonnenuntergang mit Zeiger. Ekopada Dhanurasana.

Dann stehen wir am Strand von Antofagasta unter drei 25-stöckigen Apartmenttürmen. In einem wohnt der Bruder unseres Begleiters Christobal, der mit seiner Freundin Sophia und unserer (vehikulären) Hilfe ebenfalls dem Schnee entflieht. Unser Bus ist überzogen mit einer Schicht aus salzhaltigem Schlamm, der erst nach zwei Tagen in der Sonne trocknet und sich dementsprechend resistent gegenüber Putzversuchen zeigt. Gleiches gilt für den Innenraum des Busses. Nach drei Tagen finden wir eine Waschanlage, in die auch unsere 265cm Höhe Platz passen.

Im Anschluss finden wir uns nach langer, langer Zeit mal wieder in einer Mall wieder. Zumindest ich habe es nicht vermisst, eher sagt mir der Großgemüsemarkt am Hafen zu, in dem wir geschätzte 100kg Nahrungsmittel einkaufen. Außerdem springen ein Satz Dübel für mich heraus. Material für neue Routenträume in Socaire.

Als nach vier Tagen der Wetterbericht eine Rückkehr aufs Altiplano realistisch erscheinen lässt, entschließen wir uns zu einem kleinen Umweg über Caspana, Risskletter- und vielleicht auch Bouldergebiet nördlich von Calama. Leider entpuppen sich die Blöcke als entweder mit den Kindern schwer zu erreichen oder zu klein, um ernsthaft die Matten anzuschleppen. Nur die Wolkenfluchten über Regenschauern werden uns im Gedächtnis bleiben.

Caspana auf dem Weg vom Regen zum Regen. Im Vordergrund drängen sich Risse und schöne, wenn auch nicht ganz leicht erreichbare Boulder auf.

Nach einem weiteren höchst entspannten Tag in San Pedro und einem Schuss neuer Laschen von Elias finden wir uns wieder zwischen den Projekten und den noch tiefer und weiter nach unten verschneiten Vulkanen ein. Schon nach den ersten Versuchen in meinem Hauptziel wird klar, wie man wirklich stärker wird: Durch sechs Ruhetage auf 3600 Höhenmeter weniger. Schon falle ich erst wenige Meter unterhalb der Kette (allerdings zugleich in der Crux).

Es folgt mein (32.) Geburtstag, der fast zum Todestag der Katze wird. Wir fahren vom Canyon weiter in die Berge hinein in eine Landschaft, der man ansieht, wie Ungewöhnliches ihr widerfährt. Aus dem viel zu tiefen, verwehten Schnee ragen überall die gelb-orangen Büschel trockenen Steppengrases, wie man sie auch in Patagonien findet. Über ihnen scharenweise Guanacos, die aus den höheren Lagen hinab gedrängt werden, Raub- und Laufvögel und zu guter Letzt, so glauben wir zumindest, auch Malbec, unsere Katze. Auf dem letzten kleinen Fotostopp in rotem Licht und Nacht im Tal ist er aus dem Bus entschwunden. Die Nacht dürfte minus zehn mit Sicherheit, vielleicht minus fünfzehn Grad erreichen, keine Ahnung ob eine Katze das überlebt. Wie aber vor allem sollen wir jetzt, da wir ihr Verschwinden bemerkt haben (in der Zwischenzeit waren wir unten im Dorf zwecks Handynetz und sind wieder an unserem Schlafplatz über der Schlucht angekommen) und es längst Nacht ist, sie zwischen Schnee und dem kilometerlangen Nirgendwo der Berge finden?

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Valle de la muerte, San Pedro. Ruhetag im Sand. Oder ist da noch etwas anderes beigemischt?
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Wo ist die Katze?

Mangels Licht können wir trotz Beweisfoto vom Orte des Verschwindens diesen nicht einmal genau ausmachen. Zu sechst rufend fahren wir mit 10 km/h die Strecke ab und warten auf das kleine Paar heller Augen in der winterlichen Wüstennacht. Allein, es will nicht kommen. Innerlich begraben wir Malbec und beraumen statt der geplanten Cocktailparty einen Trauergottesdienst zu Ehren seines Verbleibens in den Armen Pachamamas ein.

Letzter theoretischer Strohhalm: Malbec ist am Fotostopp ausgestiegen, dann – wie er es gerne tut – unter dem Auto in den Motorraum wieder eingestiegen, 20km talwärts dort mitgefahren, beim ersten Halten angesichts des erlebten Traumas panisch wieder ausgestiegen und hält sich jetzt also etwas oberhalb der Ortschaft Socaire auf. Natürlich prüfen wir auch diese Hypothese, auch wenn es unseren Tankinhalt mit Sicherheit unter die Erreichbarkeitsgrenze der nächsten Tankstelle in San Pedro drückt. Und tatsächlich, wie schon sein Vorgänger auf der letzten Reise, Cusco, den wir ebenfalls einmal am Straßenrand verloren hatten, ist auch Malbec genau dort, wo er den Motorraum verlassen hat, sitzen geblieben. Knappe zwei Stunden lang. Instinkt oder scharfe Kalkulation? Schwer zu sagen, aber praktisch in diesem Falle um zu überleben. Also Party statt Gottesdienst.

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Weil’s so schön ist noch einmal das Tal der Toten.

Die Woche wird zwischenzeitlich ausnahmsweise zumindest sonnenseitig in der Schlucht recht warm und halbwegs winddicht. Und mein Aufstieg zur Altiplano Super Power setzt sich weiter fort. Plötzlich brauche ich, der sonst im Grunde nur Ruhetage mache (Zwei Einheiten die Woche auf 600m über Null), diese trotz in der Theorie verlangsamter Regeneration praktisch gar nicht mehr. Liegt sicherlich auch am Wundertrank von Maiday, lässt sich darüber hinaus aber nur schwer erklären. Der Durchstieg meines Hauptprojektes, für den sich der Arbeitsname Ruta de Cobre (Kupferstraße) herauskristallisiert, spitzt sich schließlich am Freitag, dem letzten Tag bevor Jeanne für einige Tage zu Freunden nach Santiago fährt, gefährlich spitz zu.

Im ersten Versuch schon scheint der Cruxgriff (ein Schlitz für das erste Fingerglied, den man nicht unter- und nicht übersteuern darf) haltbar, entschwindet mir dann aber doch noch flutschend ins Reich des Unhaltbaren. Bei schönem Wetter bieten sich im nordseitigen Teil der Schlucht wegen Hitze nur zwei Versuche in einem Zeitfenster von einer guten Stunde am Abend, da die Sonne zwar höher als bei uns im Juni steht, aber eben doch nicht einmal 180° überzirkelt. Erst wenn sie hinter die Wände gegenüber sinkt, beginnt es wirklich zu grippen.

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Sehr schöner Stützzug am Beginn der Schwierigkeiten.

Also im zweiten Versuch? Alles läuft perfekt, doch dann ereignet sich ausgerechnet am Ruhepunkt das manchmal Unvermeidliche in einem familienorientierten Leistungssport wie diesem. Während ich mich mental auf die (sicherlich in wenigen Minuten) erfolgreich absolvierte Crux einstelle, meine Atmung zwischen Entspannung und maximaler Sauerstoffsättigung des Blutes hin- und herflattern lasse (flach, ruhig und tief zugleich atmen!) und meine Finger im Chalkbag wiege, schreit Aliénor, die sich gerade der Windeln entwöhnt: „Kaka!!“

Alarm also.Jeanne kann nicht weg vom Grigri, Jules hilft zwar erfolgreich und nach Kräften den Haufen sicher an den Wandfuß zu platzieren, hört dann aber nicht mehr auf, diesen zu kommentieren. Meine Atmung wird irgendwie konfus, mein Glaube an den Durchstieg überlagert von Bilder des zu mir heraufstinkenden Felcks. Ich eile also lieber weiter, knalle der Cruxzug weg, kann aber den Folgegriff nicht halten. Eigentlich der letzte Moment, in dem man aus Müdigkeit heraus noch fallen kann. Nicht zu ergründen, ob die fäkale Verwirrung am Ruhepunkt den Unterschied gemacht hat. Im Grunde auch nicht wichtig. Schließlich bin ich nicht wirklich Profi, sondern eher „nur“ Papa.

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Eigentlich der schwerste Einzelzug in Ruta de Cobre. Aber auch 20cm können manchmal weit sein. Vor allem jedoch das Ankommen ist schwer, der Zielgriff schmal wie die Pforten in ein wenig für Flüchtlinge motiviertes Land.

Wir verabschieden Jeanne am Tag darauf und holen uns die neuesten News von Hiob-Petrus. Auf die letzte, schon sehr ungewöhnlich heftige Regen- und Schneefront mit anschließendem Gefriertruhenwetter soll in wenigen Tagen eine noch weit intensivere folgen. Mir bleiben noch zwei oder drei Tage mit angeblich mildem, sonnigen Wetter und Christobal und Sophia haben mir ihre Hilfe in Sachen Klettern und Kinderbetreuen angeboten.

Sonnig wird es dann zwar nicht, dafür aber bewölkt. Kalt. Und windig. Ich will schon am ersten Tag aus Liebe zu meinen Kindern abbrechen, überwinde uns dann aber noch einmal zusammen in den Canyon zu gehen. Der Grip segelt wie ein Kondor im Kühlschrank hauchdünn über der Gefühllosigkeit der Fingerspitzen dahin, beim Einhängen der Exen fühle ich mich dann aber besser, als der ledigich eine Ruhetag glauben lassen würde. Super Power eben. Pausen zwischen den Versuchen kann ich dank der Witterung auch längere als an sonnigen Abenden machen und meine Kletterpartner lassen es ohnehin sehr gemächlich angehen. Perfekte Vorbereitung für einen perfekten Go also, der den Durchstieg dann fast schon überkontrolliert mit sich bringt. Und noch besser: Christobal, der Fotografie und Video studiert hat, koordiniert mit allen anwesenden Leuten und vier Kameras eine perfekte Videosession im Anschluss. Auch die Kinder lassen sich noch diese eine knappe Stunde vom Feuer bezirzen und des Nachts trinken wir den Rum vom Geburtstag leer.

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Guanacos unterhalb der Laguna Miscanti.

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Es ist schwer Ruta de Cobre einzustufen, schließlich weiß ich über die meisten der Schlüsselvariablen für eine Bewertung nur unzureichend Bescheid. Form, Gewicht, Vergleichsrouten, Liegfaktor, Höhenadaptation, Invesition. Hilft nur eine asymptotische Annäherung.

Form: Angesichts der wilden Fortschritte in beiden Projekten der Schlucht, der guten Ausgangsform zuhause und des immer wieder intensiven, dann aber von längeren Ruhephasen durchzogenen Kletterrhytmuses der letzten zwei Monate, dürfte diese zumindest nicht schlecht sein. Vermutlich eher gut bis sehr gut.

Gewicht: Meine selbsternannten „Ascent Pants“ für zwei Euro vom Trödler, die sich immer schwer schließen ließen, gehen problemlos zu, der Gürtel steht auf dreieinhalb Zentimeter unter Normalnull und auf den Fotos sehe ich aus, als hätte ich ein paar Wochen zuvor einen Großhändler für Diätdrinks überfallen. Logisch wären ein paar Kilo weniger zudem, schließlich saugt die Höhe Energie und verringert zugleich den Appetit. Wahrscheinlich wiege ich etwa 3kg weniger als zuhause, habe durch das viele Bouldern aber etwas mehr Muskelmasse geladen.

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Blick von Socaire auf den Salar de Atacama.

Vergleichsrouten: Gibt es nicht. Die Skala hier endet irgendwo im siebten Grad, die letzten beiden 8A Boulder in Argentinien liegen Wochen zurück und gingen quasi im Flash. Insgesamt wird auf dem Kontinent aber nicht extrem hart bewertet, sondern eher so wie in Südeuropa.

Liegfaktor: Total. Kleinste Löcher, meist auf meinen beiden starken Fingern (Mittel und Ring). Weite Züge, die ich keinem der starken Jungs mit 1,60m und ein paar zerdrückten Zentimetern an den Hals wünsche, vor allem da die Zielgriffe angesichts ihrer Schlitzform besser zumindest halbstatisch angepeilt als angesprungen werden. Leichter Überhang, die schlechten Hebel meiner 185cm kommen hier deutlich weniger zur Geltung als in der Durchschnitts-Mode-9a von heute mit ihrem 50° Dach irgendwo im katalanischen Schotter. Maximalkraftausdauer. 20 schwere Züge mit ein bisschen Vorspiel. Genau meine Distanz.

Höhenanpassung: Nach sechs Wochen meist zwischen 3600m und 4200m ist diese in der Theorie (Rote Blutkörperchen erneuern ihre Gesamtpopulation in sechs Wochen) für diese Höhe bestmöglich abgeschlossen. Natürlich bleibt eine verringerte Leistung im Vergleich zur Meereshöhe, aber dieser Umstand gehört zur Route wie ihre Griffgrößen. Da außerdem nicht davon auszugehen ist, dass der Durchschnittsbesucher, der in diesen Graden unterwegs ist, für mehrere Monate anreist, und mir kein Topkletterer bekannt ist, der auf 3000m Höhe lebt, sollten die 3600m.ü.d.M. der Route eher als erschwerend in die Bewertung einfließen.

Investition: Sechzehn Versuche ohne Plateau oder Rückschritt an auch nur einem der sieben Tage in der Route sind in etwa das, was ich unter guten Bedingungen (nicht wie Socaire perfekten) von einer 9aerwarten würde.

Alle weitere Faktoren sprechen eindeutig für einen härteren Grad, den ich aber nicht gebe, weil ich nicht muss. Die Route ist neben Azul es el cielo de los ciegos (der ersten 9a des Kontinents in Piedra Parada) sicherlich eine der drei (oder zwei, um es mit den Worten Alex Megos zu sagen) schwersten Routen Südamerikas, 9a+ aber hebe ich mir für das andere Projekt in Socaire auf, auch weil es noch einmal geiler und schöner ist. Den alleinigen Titel der härtesten Linie des Kontinents hole ich mir auf jeden Fall zurück (nicht nur wegen der entweder grottig recherchierten oder irgendwie pubertären Aussage Alex Megos‘ auf Instagram, die vielleicht erste 9a Südamerikas erstbegangen zu haben).

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Noch ein Bild vom schneereichsten Geburtstag meines Lebens.

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