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14 Farben, keine Worte. Cerro de los 14 colores oberhalb von Huamaca.

Möchte man von (relativ) trockenen, hochgelegenen Lagen in Pyrenäen oder Alpen bis in das nächste tropische Ambiente reisen, erfordert das zumindest eine wohl zweiwöchige Fahrt in den Senegal oder ähnliches. Vom 4200m hoch gelegenen Tuzgle in den subtropischen Nationalpark Calilegua auf 350m Höhe etwas nördlich des ebenfalls bereits sehr grünen San Salvador de Jujuy sind es 350km. In den ersten Regenwald westlich von Jujuy kaum mehr als 200km. Man kann die Luft schon nach wenigen Stunden förmlich in Scheiben schneiden, so dick kommt sie uns vor. Bereits auf dem nur 1000m tiefer gelegenen Salinas Grandes, dem ersten echten Salzsee meines Lebens, auf dem wir die erste Nacht unseres Ausflugs verbringen, sind sowohl Frost (wohl nur noch leicht unter null Grad) als auch Sauerstoffsättigung deutlich entspannter als auf übe 4000m.

Auch der Appetit kommt mit sinkender Höhe schnell zurück, wir spüren erst jetzt wie dieser erste Aufstieg aufs Altiplano plus viel Klettern und Kälte bereits an die Reserven gegangen ist. Die ersten beiden Tage verbringen wir mit viel Schlafen und Essen, entdecken oberhalb von Humahuaca den wohl durchgeknalltesten Berg der Welt, den Cerro de los 14 colores und in Jujuy schickt mich Jeanne zum Friseur, auch weil die Kinder mich bereits einen Bären nennen. Leider schafft die Friseuse mit einigen so schlechten wie radikalen Schnitten mit dem Rasierer schnell Tatsachen, die wohl ihrem Ideal eines Deutschen am Nächsten kommen und stark an die Mode des dritten Reiches erinnern. Ab jetzt laufe ich als Nazi ohne Uniform durch die Stadt. Den Einheimischen gefällt es.

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Oder als Gesamtansicht.
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Noch eines der Details aus den Ecken.

Am Abend dann trudeln wir in Calilegua ein. Es gibt hier keine Malaria, nur Denge, Zika und dergleichen, aber wir richten unsere Aufmerksamkeit mal wieder auf die falschen, im Extremfall schlimmen von Mücken übertragenen Krankheiten. Und nicht auf diese kleinen Fliegen, die Stücke aus der Haut beißen. Sie erledigen uns innerhalb einer Nacht und eines Morgens quasi im Alleingang. Danach sehen wir aus, als hätten wir Windpocken im Endstadium und die Stiche werden uns fast zwei Wochen lang bleiben. Außerdem ist es fast zu schwül zum Schlafen.

Ein Tag und wir haben die Welten gewechselt. Hier gibt es riesige Marder am Campingplatz, wir sehen verschiedenste bunteste Vögel, Tucane, Vogelspinnen, Adler und einen Wald auf drei bis vier Ebenen, der sich mit erneut in die Berge ansteigender Höhe zu einem von Flechten überwucherten Wirrwarr aus Lianen und riesigen Baumkronen entwickelt. Auf einer abenteuerlichen Straße (Typ matschiger Feldweg) treiben wir unser Drei-Tonnen-Gefährt ohne Allrad durch den Nationalpark bis auf beinahe 2000m Höhe. Zur Regenzeit wären wir sicherlich irgendwo zwischen Stämmen und Wolken im Abgrund gelandet, wie sie sich jetzt in der Selva de los Nubres, dem Wald der Wolken, doeser Schicht des Regenwaldes über 1000m Höhe, die wohl die meiste Zeit des Jahres von Nebel verhangen ist. Es ist der Gipfel dieses verwunschenen Schauspiels.

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Toucan im Nationalpark Calilegua.
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Und 1500m höher die Nebelwälder.

Es ist Wochenende. Unsere Papiere, die wir für unsere Katze Malbec benötigen, um sie nach Chile einzuführen, sind noch nicht zu haben, also fahren wir mit unserem Wellnessprogramm (denn alles unter 4000m fühlt sich für uns nach reiner Massage an) in den Thermen von Caimancito fort. Man lässt uns sogar des Nachts dort ein, da auf der Straße in den Ort in den letzten Wochen drei bewaffnete Überfälle auf Autos stattgefunden haben. Eine kleine Erinnerung daran, warum das Flachland in diesen Breiten nicht annähernd so ungefährlich ist wie das Altiplano. Das Wasser in den Thermen ist noch heißer als die Luft (38° vs. 25°) und obwohl einige der Bäume Zeichen des aktuellen Spätherbstes tragen, können wir uns des überwältigen Eindruckes von Sommer nur schwerlich erwehren. Ich fotografiere 15 verschiedene Schmetterlinge.

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Wieder auf gut 4000m. Vicunas jagen.

Dann erledigen wir unseren Papierkram und schießen uns zurück auf 4000m. Die Luft ist gefühlt voller geworden seit unserer Abreise aus Tuzgle vier Tage zuvor, da unsere Körper zuverlässig unter dem Einfluss endogenen Epos weiter rote Blutkörperchen gebildet haben. Praktisch. Auf dem Pass renne ich einer Herde Vicunas hinterher, um sie im richtigen Winkel vor die Linse zu bekommen und komme kaum außer Atem. Es ist kalt, windig und grenzenlos schön. Unterhalb funkelt der Salar im letzten Licht und oh wie bin ich geil auf Tuzgle!

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Abschied aus dem Tiefland.

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