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Abfahrt gen Salta. Noch deuten nur die paar Wolken auf die nahenden Tropen hin.

Nach dieser ersten Woche auf knapp 3000m verlassen wir noch einmal für ein paar Tage unseren Aufstieg entlang der Ruta 40 und seilen uns nach Salta ab. Die Stadt ist im Land für ihre Schönheit bekannt un24d tatsächlich hat sie ähnlich wie schon andere Orte des Nordens (z.B. Cafayate) viel Charme, der irgendwo zwischen spanischen Kolonialbauten, darauf folgenden italienischen Einflüssen und dem typisch entspannten, unprätentiösen self-made Stil, der vielen argentinischen Städten eingebaut ist, entspringt. So wird unsere lange Liste von sonst eigentlich eher lästigen Erledigungen vor allem auch wegen der berüchtigt sympathischen Menschen zu einem Erlebnis an sich: Die Tierärztin, die ganz hin und weg von unserer Katze Malbec ist, datiert nur zu gern das Impfdatum nach vorne, so dass wir nicht erst in vier Wochen über die Grenze nach Chile können. Der Automechaniker mit Spezialisierung auf Bremsen flickt uns endlich! (nach ca. 7000km) unsere Bremsleitung in einer Extraschicht direkt auf dem Bordsteinkante. Wir bekommen wieder Gas und ein Nummernschildmacher fertigt, weil er den Schrifttyp nicht finden kann, von Hand eine Replik unseres in Uruguay abhanden gekommenes deutschen Kennzeichens an. Sogar das D und die Sternchen zeichnet er nach.

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Und nach 3 Tagen wieder hinauf. Diesmal aber richtig bis auf 4200m kurz vor San Antonio de los Cobres.

Im archäologischen Museum der Stadt wartet zudem der wohl weltweit eindrucksvollste Fund der Hochgebirgsarchäologie: Die drei geopferten Inkakinder, die man 1999 auf dem knapp 7000m hohen Vulkan Lllullaico ausgegraben hat, und die zu den am besten erhaltenen Mumien der Welt gehören (wobei keine Salbung, sondern Eis und Frost für die Konservierung sorgten). Eines der drei Kinder wird jeweils in der Ausstellung gezeigt, was verständlicherweise für Aufbegehren der einheimischen Stammesbevölkerung sorgte. Dank des aus Konservierungsgründen stark gedimmten Lichts fällt das Schauspiel allerdings nicht zu gruselig-blasphemisch aus. Auf Bildern sind die Kinder im Grunde besser zu erkennen, als hinter Glas. Respekteinflößend ist der Anblick natürlich trotzdem und dankbar erfährt der Besucher, der Menschenopfer an sich kritisch sieht, dass diese unter den Inka nur zu größten Feierlichkeiten (z.B. dem Tod eines Inkas) oder zur Konfliktprävention und Befriedung zwischen den vielen Ethnien und Landesteilen des gegen Mitte des Jahrtausends riesigen Reiches üblich waren. Und auf diese Weise wiederum viele Menschenleben verschonten. Außerdem wurden die Kinder mit Maisbier bis zur Bewusstlosigkeit abgefüllt und rechneten selbstverständlich mit einem höheren Dasein jenseits ihrer Opferung. So traf das Los in der Regel nur physisch möglichst perfekte Sprösslinge des Adels und es galt die Wahl als große Ehre. Eines dieser drei Kinder – so zeigen die Spuren auf dessen Kleidung – wachte allerdings noch einmal auf, nachdem sie in einer Art Höhle am Gipfel des Berges eingegraben worden waren. Ich muss an die hunderttausenden iranischen Kinder denken, die zum Minenräumen gegen den Irak in den Tod getrieben wurden und denen man in Taiwan preiswert gefertigte Plastikschlüssel um den Hals hängte mit dem Verweis, dieser würde ihnen das Tor zum Paradies öffnen. Das macht die Menschenopfer der Inka nicht humaner, entschärft aber den Versuch einer westlich überheblichen Sichtweise auf ebenjene „wilde“ Praktiken. Wenn schon kann man den Inka in anderen Bereichen weit weniger humanes Verhalten „vorwerfen“. Für die einheimische Bevölkerung im Norden Argentiniens stellten auch schon die Inka eine erste Kolonisierung nur 150 Jahre vor dem Einfall der Spanier dar.

Und auch wir folgen deren großen Weg – dem Quapaq Nan – nun weiter Richtung Herz des ehemaligen Reiches im heute bolivianischen Sucre nach Norden und folglich nach vier Wochen Reise schließlich – ich will nicht sagen endlich – hinauf auf das Altiplano. Waren für die aus dem Hochland stammenden Inka die Ebenen offensichtlich eher suspekt (ihre Siedlungs- und Anbaugebiete beschränken sich weitestgehend auf die Anden), sind es uns (dem Flachlandmitteleuropäer) eindeutig die gigantischen Hochplateaus dieses Kontinents. Ist das fruchtbare Salta mit Umland noch grün und vergleichsweise dicht besiedelt, wird auf der langen (kein einziges Mal abfallenden) Rampe Richtung San Antonio de los Cobres schnell klar, wo der Hammer nicht (mehr) hängt. Erst auf über 4000m hält das Steigen inne und die kleine Stadt zu Füßen des Passes gibt es im Grunde auch nur wegen des Kupfers (Cobre). Nach dem (verglichen mit europäischen Städten) überlebendigen Salta, geht es hier schon eine Ecke (von der Welt) entrückter zu. Uns schaudert es leicht, obwohl wir sehr genau wissen, dass dies hier erst das Tor zur wüstenhaften Oberwelt mit Unterweltcharakter ist.

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Blauer Himmel, klares Eis. Der letzte Pass vor Tuzgle.

Am nächsten Morgen spuckt uns die Ruta 40 dann ins Hinterland von San Antonio, in der es bis auf eine Eisenbahnbrücke mit Lehmhütte daneben auf 50km erst einmal nichts mehr gibt. Außer nicht nur im physiologischen Sinne atembeklemmender Weite, Steinen (ohne Felsen zu sein) und einmal einer heißen Quelle. Aber selbst im lebensfeindlichsten Ambiente findet sich irgendwann irgendwo (meist talaufwärst) ein Bach, und also Pflanzen und wo Grün (neben dem eisgesäumten Wasser) die ausgedörrte Krume der Erde durchbricht, gibt es auch Tiere. In diesem Fall unsere schon lang vermissten Guanacos aus Patagonien in entsprechend der Sauerstoffsättigung kleinerem Format. Auch die Straße wird immer wieder vom Fluss umgarnt und unterspült, wir kommen aber trotzdem durch (von Norden ist Tuzgle leichter zu erreichen). Der nächste Pass liegt wohl schon auf 4500m und dann tritt von rechts der Vulkan Tuzgle auf den Plan.

Die nächsten paar Stunden lassen sich am besten mit einer Sakkade des Staunens wiedergeben. Erst tauchen wir in das von Blöcken und Wänden gesäumte Tal unterhalb des 5500m hohen Berges ein. Das Licht ist entsprechend des hier für die nächsten sechs Monate schönen Wetters, der Meereshöhe und der Nähe zum Äquator hart und knallig und so dringen die Farben und Formen der Felsen, der Gräser und vereinzelten Büsche und des kleinen Bachlaufes mit seinen salzig weißen Rändern unbarmherzig auf uns ein. Aber man darf trotz der beiderseitig über gute fünf Kilometer mit schönsten Felsen gesäumten Straße jetzt nicht einfach losrennen. Schließlich befinden wir uns auf 4200m Höhe und haben noch gar keine körperliche Anstrengung über 2700m unternommen.

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Der Volcan Tuzgle und die unendlichen Klippen unter ihm.

Zwei Stunden später stehe ich trotzdem 200m höher oben auf der Klippe und drehe mich wie benommen zwischen den Horizonten hin und her. Die im Licht glühenden, goldbraunen Gräser, wie man sie aus den Weiten Patagoniens kennt, die irren Formen der zum Teil riesigen Boulder, die Felsen darüber, die mit Traumlinien nur so um sich werfen, das feine Muster des Baches ganz unten und darüber der Vulkan. Und im Norden zu meiner großen Überraschung kein weiteres Bergland, sondern eine wohl 50km weite Ebene, die sich direkt vom Fuße der letzten Blöcke erstreckt. Der Moment ähnelt jenem im Suru-Valley zwischen den 7000ern des Ladakh vor eineinhalb Jahren: Die Kulisse ist in ihrer Schönheit und in ihrem schier unbegrenzten Angebot an Kletterbarem (zwingend Kletterbarem) fast schon wieder eine Überforderung (nicht nur weil die Sonne hier oben so erbarmungslos ist). Diesmal aber weiß ich, auch wenn wir keine anderen Kletterer angetroffen haben, dass die Arbeit, die ich in diese zahllosen unerschlossenen Boulder stecken werde, irgendwann von anderen Gleichgesinnten geschätzt und genossen werden wird (obwohl in der Folge unserer Veröffentlichungen auch im Suru Valley in Indien bereits zwei Kletterfestivals stattgefunden haben).

Die ersten beiden Tage versuche ich mir zunächst einmal nur einen groben Überblick über die Lage der Felsen zu verschaffen, denn trotz allem inneren Jubels, muss ich auch hier feststellen, dass nicht alles gleich ganz fest ist. Das Vulkangestein ist zum Teil in den Überhängen etwas „flake-ig“ und außerdem ist es oft recht glatt. Sehr glatt. Und hoch. Am Ende des zweiten Tages ist mein Wunschzettel aber auch so schon von beträchtlicher Länge und langsam folgen auch die Lungen.

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Ein Highball unter vielen am Ausgang des Tals.

Aber Luft und Sonne sind es nicht alleine, die uns in diesen ersten Tagen unsere Grenzen spüren lassen. Nachts fällt das Thermometer (das wir nichts besitzen und nur anhand der Eisklötze, die sich bilden, wo abends noch Wasser in unseren Töpfen war, erahnen können) wohl in zweistellige Minusbereiche und der Umstand, dass Aliénor ihre Sonnenbrille einige Tage zuvor erledigt hat, wächst sich zu einem echten Problem aus. War die UV-Belastung auf knapp 4000m in Indien noch im tolerierbaren Bereich für Kinder gewesen, die ständig ihre Brillen wieder absetzen, sind wir hier noch einmal etwas höher und näher am Äquator. Außerdem gibt es im Gegensatz zu den baumbestandenen Tälern des Himalaya in Tuzgle nur im Bus Schatten.

Wir bleiben also in diesem ersten Aufenthalt nur ein paar Tage, die Höhenanpassung stellt sich zum Glück schnell ein und die Lust an diesem Ort einige schwere Linien und ein schönes kleines Video herzustellen steigt mit jeder neuen landschaftlichen und bouldertechnischen Entdeckung. Zunächst aber steigen wir noch einmal in Richtung Jujuy ab, um dort die Brillen und die für unsere Katze Malbec erforderlichen Papiere zum späteren Grenzübertritt nach Chile zu besorgen.

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Und einer der letzten von wohl 1000 meist ziemlich großen Blöcken.

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