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Auf dem Weg nach Brealito. Die Quabrada de las Flechas und gleichzeitig die Ruta 40 seit Langem einmal wieder als Schotterpiste.

Malbec der designierte Mäusekiller (wir warten immer noch auf den Ausbruch von Hanta, den Mäuse-Killer-Virus) versteht, seinem Vorgänger vom letzten Jahr – Cusco – gleich, sehr schnell, wo der Napf steht, wer In-Group ist (wir) und wer nicht (die Straßenhunde). Er ist eine richtige Pussycat, klein und ängstlich, kuschelig und so schmal, dass er sich mitunter auch innerhalb des Busses 15 Minuten allseitigen Suchens durch engstes Verstecken widersetzen kann. Er geht uns in den ersten kritischen Tagen auf jeden Fall nicht verloren, auch wenn er sich einmal dermaßen in einer Felsspalte verkriecht, dass wir ihn ausgraben müssen.

Abgesehen von diesen für eine Kleinfamilie typischen Abenteuern, ist Brealito unser erster echter Hafen. Wir können Brot backen und den Bus teilrenovieren, kiloweise Feigen ernten und im Sand am Fluss buddeln. Genau das, was man in der Ferne eben so sucht. Pure Häuslichkeit.

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An den Ufern der Laguna Brealito.

Aber es gibt als Gegengewicht ja noch die 1000 Blöcke des Dorfes. Viele davon liegen zwischen Kakteen und Dornengestrüpp gut vor Boulderern geschützt oberhalb der Häuser, am Fluss allein aber bilden sie einen Spielplatz groß genug für Wochen. Außerdem ist der Fels hier unten schöner, da von hunderten feiner Linien in allen Facetten der Farbe Rot gegliedert, und härter. Denn auch Brealito ist noch weit vom Cousimbert entfernt (als Nichtschweizer darf ich öffentlich über heimische Klettergebiete gefühlsduseln). Dort, wo der wohl beste Sandstein der Schweiz steht (Flysch, sein Name), bricht nur in seltensten Fällen etwas ab, sind die Poren offen (schweißschluckend) und rau, sommers wie winters. Aber diese in unglaublich kleiner Quantität vorhandene Qualität aber steht auf einem anderen Stern geschrieben. In den Anden ist mir bislang nichts Vergleichbares untergekommen.

Und so gehe ich auch hier in Brealito mit der ein oder anderen Leiste unsanft rücklings auf die Matten ab, finde aber schon am ersten Abend in bester Lage (25m unter dem Campingplatz, südseitig exponiert und also den ganzen Tag schattig) ein schönes Projekt, das mich die Vorzüge meines neuesten Sarpa-Modells Furia ausgiebig austesten lässt. Hooks der verschiedensten Arten, mit Ferse, Zehen oder auch dem Innenrist (ist diese Art des Ziehens noch ein Hook?) sind nur die Spitze eines Eisberges des intuitiven Kletterns im steilen Gelände, dass dieser so weiche wie explosive Schuh erlaubt. Erst am zweiten Tag meistere ich den schwersten Einzelzug. Auf den folgen aber noch einmal ein halbes Dutzend weiter Bewegungen.

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Der zweite weite, schwere Move in “Murciéla”, 8B, aber noch nicht der Abfaller.

In den kühleren Abendstunden (Ende Oktober auf knapp 3000m heißt hier nicht, dass es in der Sonne schon im zehn Uhr morgens nicht zu heiß wäre) umfliegen mich im Bachbett erst die Kolibris und dann die Fledermäuse. Die Sonne versinkt, und als einzige noch aktive Farbe bleibt das Rot, das sich hunderte von Metern in alle Richtungen höher häuft zurück.

Wir steigen für einen Tag an der Laguna einige Kilometer abseits des Dorfes ab und erleben dort unseren ersten Sturm a la Patagonien, der hier, wo dergleichen eher selten zu sein scheint, allerdings dazu führt, dass der See ohne Abfluss und voller vermutlich auch leicht toxischer Mineralien vor allem in tieferem Wasser etwas stark umgewühlt wird. Mit dem Ergebnis, dass am folgenden Morgen das Ufer mit toten Wassertieren gesäumt ist. Fische, Wasserratten und dergleichen.

Zum ersten Mal seit Wochen bemühe ich mich um etwas Tagesplanung (nicht direkt vor dem Klettern essen, früh genug zwischen den Blöcken verschwinden, um ausreichend Zeit zwischen den Versuchen einplanen zu können, usw.) und ernte zu meiner eigenen Überraschung direkt den Durchstieg dafür. Der Ausstieg ist hoch und leider ziemlich bröselig und die Matten liegen auch nicht mehr unter mir, aber wenn es gehen muss, geht es eben in aller Regel und geboren ist die erste harte Linie Brealitos „Murciélago“ (Fledermaus). Mangels Referenz bezüglich anderer schwerer Boulder als auch meiner Form, kann ich mich nur an den Problemen aus Capilla del Monte orientieren. Die dortigen 8A waren schon sehr viel leichter als meine 8A+ Erstbegehung, die wiederum mit diesem Testpiece, das nur bei besten inneren und äußeren Bedingungen in der dritten Session möglich war, nicht viel zu tun hat. Weshalb ich an dieser Stelle mal 8B vorschlage. (Sofern man erst beim Horn an die Kante aussteigt natürlich.)

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Die unendlichen Möglichkeiten des Boulderns in einer vom Fluss ausgewaschenen Sandsteinlandschaft.

Den letzten Tag verbringen wir etwas weiter flussauf in einer Abenteuerwelt aus einst vom Wasser ausgewaschenen, inzwischen aber trockenen kleinen Canyons, zwischen Kakteen und kleinen Stromschnellen, gespickt mit allerlei lustigen Bouldern, die hier dank des Wassers auch ohne Putzen bombenfest und hautschonend rund sind.

Als rund bleibt auch der Eindruck dieses Ortes zurück. Nette Leute, schöner Camping, viele, viele Boulder und trotz 2600m Höhe noch viel Leben in Tier- und Pflanzenwelt. Außerdem auch Ende April (d.h. Ende Oktober) noch sommerliche Temperaturen. Nur die Gesteinsqualität reicht nicht für jeden filigranen Griff, außerhalb des Flusses vermutlich noch einmal mehr. Im Flussbett sind sicher an die 50 Linien geputzt und auch wer selbst erstbegehen möchte, muss kaum Bewuchs entfernen. Auf jeden Fall einen Stopp wert, für alle, die es aufs Altiplano zieht. Nicht nur weil man schon einmal ein bisschen akklimatisieren kann.

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Brealito uptown. Ein Eindruck vom oberen Ende des Flusssektors.

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