Von La Rioja über Tafi del Valle nach Cafayate. Altiplano 2017 – Kapitel 4 (18.04. – 22.04.)

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Erstes Licht und die Weite der Zeit. 18 Wochen to go und ein erster Hauch von Altiplano auf dem Weg die Ruta 40 nach Norden in Richtung Londres.

Ein Berg wird erst ein Berg in Relation zur Größe des Betrachters und zum Orte der Betrachtung. Ein 7000er im Ladakh (2015) bleibt in seiner Größe und Majestät in der Regel (von den allermeisten Punkten im engen Tal aus) abstrakt, da unsichtbar. Und außerdem auch „nur“ wenig höher als die Zugspitze vom Starnberger See (knapp 2500m Höhendifferenz gegenüber 7000m von 3500m aus). Ein 3500er (Fitz Roy, 2016) dagegen ist aus der nicht einmal 300m hoch gelegenen Pampa Patagoniens auch nicht viel kleiner, dafür aber umso eindrucksvoller. Immerhin sieht man ihn (bei gutem Wetter) von beinahe jedem Punkt in einem 400km-Halbkreis nach Osten hin. Außerdem hat er eine der Majestiviät zutragende Form. Er ist aber im Süden des Kontinents eher eine Ausnahme. Die Vulkane, in der Regel niedriger, sind natürlich Schönheiten für sich selbst, dabei aber nicht das, was sich jetzt, da wir La Rioja am Vortag verlassen haben, irgendwo südlich von Belen vor uns auftut: Wände (ohne nennenswert aus Fels zu bestehen). Sie ragen bis zu 4000m vor und irgendwann auch über uns auf, das hohe Licht eines nicht mehr so fernen Äquators (wir überschreiten den südlichen Wendekreis) fällt steil und weißlich auf sie herunter und die hier zumindest in regenabfangenden Hanglagen noch recht üppige Vegetation überzieht sie mit gleichmäßig (da vollkommen unerschlossen) gründlichem Schatten. Zudem stehen sie nicht isoliert im ansonsten noch immer unglaublich weiten und flachen Raum, sondern schließen sich zu immer neuen Ketten zusammen, auf denen irgendwann auch der erste Schnee des Jahres (wohl ab 4500m) vom schlechten Wetter der Vortage frisch gefallen und zuckerhaft verzaubert schimmert. Unser Fahrrhythmus verlangsamt sich, zerschnitten von Staun- und Fotopausen am Straßenrand der unendlichen Geraden rücken wir voran.

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Ein Berg und die Winzigkeit eines Betrachters. 3000m über uns verbläst es den ersten Schnee des Jahres.

Erreichen schließlich Londres, die nach Gründungsjahren zweite Stadt des Landes, und einstiege Schaltzentrale der Inkas, die hier die Windstille etwas versetzt zum nächsten Graben in der rückseitig gelegenen Bergkette bei Belen und den weiten Blick über die Ebene bei besten Anbaubedingungen schätzten. Die Ruinen von Shincal sind gut erhalten und der Ort mit seinen kleinen Geschäften, den improvisierten Cafés und dem selbstgemachten Handwerk, das es überall zu kaufen gibt, unterstreicht eine Entwicklung, die seit Buenos Aires und Montevideo zu beobachten ist: Je weiter es in die Berge gibt, je schlechter die Anbindungen, desto originaler und origineller wird das Business mit den an der Ruta 40 nicht seltenen Touristen (denn Business ist es natürlich immer noch). Im eigenen Garten werden die eigenen Nüsse (Londres gilt als die Walnuss-Hauptstadt des Landes) und die selbst gesammelten Kräuter zu lokaler Hauskost (in der Regel Empanadas) angeboten. Die Menschen sind offen und können noch immer meist verständliches Spanisch (im Norden Argentiniens übernimmt im ländlichen Bereich teil- und schrittweise das ursprüngliche Quechua).

Tags darauf brechen wir im Morgengrauen mit den noch schlafenden Kindern auf und als wir Abend in Tafi del Valle, oberhalb von Tucuman, eintreffen, werden wir auf kaum mehr als 300km zwei Klimazonen und so viele spektakuläre Ein- und Aussichten durchfahren haben, dass nicht nur unsere Netzhäute, sondern auch die Sensoren der drei Kameras rauchen.

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Auf einmal wieder Feuchtigkeit am ersten Abhang Richtung Jungel und Tucuman. Tafi del Valle.

Nur die Sektoren oberhalb von Tafi sind der totale Witz und wir werden uns wieder einmal bewusst, wo vor allem in Sachen Routenklettern hier die Maßstäbe (noch) liegen. Da wird einem schon mal ein Schrofen mit knapp zwanzig um die zehn Meter langen Linien (auch von erfahrenen Kletterern) empfohlen.

Es reicht für ein paar Züge, um nicht einzurosten, uns werden aber wohl eher die vom aus dem Tiefland (das seit einer Woche im schlechten Wetter badet) heraufziehenden Nebenschwaden über von Indianern unterhaltenen Pferdeweiden (die an englischen Rasen erinnern), zwischen denen wir übernachten, in Erinnerung bleiben.

Für den folgenden Tag gilt Gleiches: Atemberaubend pittoresk von sieben bis zwanzig Uhr. Er endet unter überlappenden Wolkenschichten in der bisher schönsten Stadt des Landes. Cafayate. Weinhauptstadt des Nordens auf 1600m, einstöckig kolonial, ohne kitschig zu sein und vor allem das für Argentinien Unglaubliche: sauber!

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Noch immer drückt das schlechte Wetter von Osten aus dem Tiefland heran. Wir im Weinland Cafayate bleiben trocken.

Das klingt jetzt mitteleuropäisch chauvinistisch, aber dieses Land war bis hier, woimmer Menschen leben, eine Deponie im Wandel der Winde. Ich erinnere mich an die Aussage eines Anglers irgendwo vor Cordoba: „Ich möchte mein Land nicht kennenlernen (er hatte nie die Region Santa Fe verlassen), denn mein Onkel – ein Lastwagenfahrer – erzählt, dass es ein Drecksloch ist.“ Und das ist, außerhalb der Nationalparks, nicht gelogen.

Es ist nicht klar, ob es an dem hohen Anteil an Touristen oder an dem der Ureinwohner liegt, die beide einen zumindest etwas achtsameren Umgang mit ihrer direkten Umwelt schätzen (im Falle der Touristen natürlich abzüglich ihres für den Planeten ansonsten insgesamt wohl deutlich schädlicheren Lebensstils). In jedem Fall zieht es der zauberhaften Landschaft aus Reben, roten Erden und Pferden um Cafayate das übliche Malus ab und ergibt so ein sogenanntes dickes Plus.

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Noch ein Rotton mehr gefällig? Schlucht nördlich von Cafayate.

Wir verkosten den einzigen Biowein der Region in einem malerischeren Hinterhof und machen uns in beschwipster Folge auf zu unserer ersten echten Piste auf diesem Trip. Die Ruta 40 auf dem Weg nach Cachi. Der Zeitpunkt aus spätem Licht und dessen Richtung ist unbewusst goldrichtig ausgewählt für den uns nun überraschenden Naturpark Quebrada de la Flechas. Mir fällt zu diesem Boden eines ehemaligen Sees nur das Wort „Cornflakes“ ein. Aber das ist diesem Naturwunder nicht angemessen.

Es ist nicht wichtig, das diese Molasse kein Fels ist, denn tags darauf schrauben wir uns einige Kilometer weiter linkerhand in die Berge hinauf. Nach Brealito. Dem ersten veritablen Chaos aus roten Sandsteinblöcken in einer entrückt zurückgezogen stillen Idylle von Fluss und Herbstwald, Dorfschule und Campingplatz.

Nicht ohne ein Dorf tiefer einem Wiederholungstäter gleich einen unserer Coups vom letzten Jahr zu wiederholen. Für oder gegen die letzte Maus, die noch immer in der Zwischenwand unseres Busses lebt, holen wir uns diese mörderische: Katze. Malbec.

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Malbec, die mörderische Katze.

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