In 6000km aus Patagonien zurück nach Buenos Aires. (Versuch einer grünen Reise, Kapitel 16, 21.05.16 – 08.06.16)

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Here comes the rain.

Grün sollte unsere Reise einmal werden, so grün eine Reise auf einem anderen Kontinent eben zu machen ist. Grün ist sie bis hier, heute, tatsächlich gewesen. Zwischen Dezember und Ende Mai sind wir trotz der Weitläufigkeit dieses maßlosen Kontinents nur 15.000km gefahren, haben nie geheizt, kaum etwas anderes als Nahrungsmittel gekauft, für hiesige Verhältnisse wenig Fleisch gegessen. Und vor allem am Ende haben wir wirklich verlangsamt. War es uns vergönnt zu verlangsamen. Die Menschen haben uns aufgenommen, dazu eingeladen. Wir sind tatsächlich ein bisschen stolz darauf.

Jetzt allerdings haben wir zwei Probleme: Erstens kommen wir mit den Kindern nicht ohne Flugzeug zurück, das einzige Schiff wäre in diesen Tagen Ende Mai aus Kolumbien gegangen. Eine unüberbrückbare Distanz. Mehr als 10.000km. Zwei gefährliche Länder, in denen man nicht nachts fahren sollte im Weg. Option ausgeschlagen. Und Frachter nehmen uns nicht mit. Segelschiffe schon gar nicht. Wir werden also die CO² Kompensation für den Flug zahlen. Dafür lassen wir unser Auto in Südamerika. Wofür wir es allerdings nach Uruguay bringen müssen, das einzige Land, in dem man es zumindest ein Jahr stehen lassen kann. Knapp 2000km müssen wir also mindestens in den letzten zehn Tagen noch fahren. Allerdings kommen wir, oder zumindest einer von uns per Reisebus, nicht um eine Schleife über Santiago de Chile herum, dort lagern unsere beiden Riesenrucksäcke, die wir fürs Fliegen brauchen. Mit der Katze kommen wir allerdings nicht nach Chile, schließlich beschließen wir angesichts meines Geburtstages allerdings doch zusammen nach Santiago zu fahren und parken das Tier bei einer bitterarmen Familie in Mendoza, denen die 40€, die wir ihnen fürs Hüten geben, wie ein Lottogewinn vorkommen müssen.

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Vulkan auf dem Weg nach Norden an der Ruta 40.

Über den 3100m hohen Pass Los Liberatores überqueren wir zum achten Mal diese einzige Grenze im Süden des Kontinents. Santiago hat sich seit dem Frühsommer verändert, es schüttet aus Kübeln, wir besuchen noch einmal unsere Freunde dort, gehen zwei Tage an der Küste bouldern und schicken uns dann an, früher als geplant wieder über die Anden zu kommen. Eine Kaltfront ist gemeldet. 100mm Niederschlag. Dort oben freilich in Schneeform. Am Abend zwei Tage vor der besagten Kaltluft sind wir eine Stunde zu spät am Fuße des Passes, schlafen dort und werden am nächsten Morgen trotz ruhigem Wetters nicht mehr hinüber gelassen. Um unseren Flug und das damit verbundene Vorstellungsgespräch von Jeanne noch zu erwischen, ohne das Auto dabei in Santiago zurück zu lassen, bleibt uns nur der nächste offene Pass im Süden. 1000km weit weg.

Noch einmal verschlägt es uns also, wenn auch unfreiwillig, ins geliebte Patagonien. Zwischen Seen und Vulkanen schlängeln wir uns ein weiteres Mal über die Anden. Fast die schönste aller Passagen finden wir im Pino Hachado. Spätherbst und Araucarias, die Nationalbäume Chiles, Schnee auf den Gipfeln und karge Hochplateaus, die an Targassonne erinnern. Auch jetzt könnten wieder einer von uns mit dem Bus zur Katze, aber auch das ist teuer und verspätungsanfällig und also fahren wir alle zusammen die Anden wieder nach oben. Nicht über die berüchtigte Ruta 40, wie eine Woche zuvor, sondern weiter im Land, dort, wo nichts ist, außer Erdöl und Pampa, Flachheit und nicht einmal Büschen. Bei im Süden zunächst noch schönem Wetter, dann fahren wir von Süden hinein in die Front, vor deren über drei Meter Schnee auf dem Los Liberatores wir geflohen sind. Regen und Regen, mitunter Schnee. Überall Überschwemmung. Die Katze zum Glück noch nicht weggelaufen. Auf die Stunde eine Woche war sie bei der Familie, die uns auch jetzt noch nicht in die Augen zu sehen wagt, so tief muss sie die eigenen materielle Unterlegenheit schmerzen.

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Am Pass über die Anden. Los Liberatores.

Bleiben noch 1500km hinüber nach Buenos Aires. Seit Tagen haben wir nicht mehr länger als vier Stunden geschlafen, nur gefahren sind wir, den Kindern zerlegt es den Rhythmus genau in die falsche Richtung, in die der Jetlag sie noch weiter hinein drücken wird. Sie gehen jetzt um 6Uhr  Morgens MEZ schlafen.

Dann rollen wir wieder ein in die Hauptstadt des Landes, ein Kreis schließt sich, nur das Auto ist noch nicht untergebracht. Die Stadt ist klar und schön, angenehmer als im Sommer, kühl beinahe. Wir brauchen alle möglichen Papiere für unseren Kater, einen Chip, mit einer Reihe Rassehundehaltern stehen wir an der Behörde Schlange. Das Auto verschiffe ich hinüber nach Uruguay, auf die andere Seite des Rio de la Plata, habe dann aber irgendwie nicht die richtige Versicherung und muss zum ersten Mal, am vorletzten Tag der Reise, einen Behördenakt selbst und auf Spanisch erledigen. Es gelingt wunderbar. Macht geradezu Spaß.

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Zapallar.

Am nächsten Tag geht der Flieger. 16Uhr hat Jeanne sich gemerkt, wir kommen mit Marge, schließlich brauchen wir auch hier noch einmal einen Medizincheck für die Katze und erreichen unseren Schalter 15min vor Abflug der Maschine. Jeanne hat sich im 4 Stunden verlesen. Ein letztes argentinischen Wunder nimmt seinen Lauf. In Europa wäre dieser Flug unwiderruflich verpasst, hier rennt der halbe Flughafen mit uns durch die verschiedenen Stationen und die andere Hälfte drückt beide Behördenaugen zu und so erreichen wir geschätzte drei Minuten vor Abflug tatsächlich unser Gate.

Lächelnd lassen wir uns auf die Sessel sinken. Grün waren diese letzten beiden Wochen nicht. Hätten wir keine Termine gehabt, keinen Zeitdruck, wären uns 2500km erspart geblieben, so spuren wir schon einmal ein in die europäische Taktung, für Arbeit und Verdienst, für Pünktlichkeit und Ordnung den Planeten an die Wand zu fahren.

In einem Jahr muss der Bus spätestens Uruguay verlassen haben, vielleicht komme ich dann für den ersten Teil der nächsten Reise ohne Familie und vielleicht schaffe ich es ja auf einem Segelschiff anzuheuern.

Wäre doch einmal eine Vision.

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Die letzten Kilometer.

 

 

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