Züruck

Routenboom im Zweisprachenland

daniel winkler in le donjon de Naheulbeuk, 9a, La Tribune
Tribuneaction. Daniel Winkler in Le Donjon de Naheulbeuk 9a.

Die Felsen des Kanton Fribourg in der Schweiz mausern sich zu einem der interessantesten Sportkletterspots des Landes

Die Entscheidung in Freiburg oder Fribourg (wie die Stadt gleichermaßen heißt) in der Schweiz zu studieren, fällte ich vor einigen Jahren ohne vorher die Klettermöglichkeiten im Umland meines zukünftigen Wohnortes studiert zu haben. Dieses Vorgehen bei einem solch Kletterabhängigen wie mir betrachte ich rückblickend als ziemlich unverantwortlich und leichtsinnig. Doch ich vertraute allein dem Blick auf die Karte, der der Stadt Fribourg knappe 20 km Bergentfernung bescheinigte. Und ich vertraute der Annahme, dass Voralpen aus Voralpenkalk bestehen und es sich auf Voralpenkalk in jedem Falle klettern lässt.

Die erste vorsichtige Recherche ergab sogleich, dass die Nordseite der Gastlosen (die bereits in Ausgabe September/2008 vorgestellt wurde) sich nur 45min von der Stadt entfernt befindet, es sich dort aber auf Grund ihrer Einstiegshöhe von knapp 2000 Metern nur im Sommer klettern lässt. Felsen mit weniger Zustiegszeit und kürzerer Frostperiode zu finden, gestaltete sich dann aber deutlich schwieriger. Schließlich hatte ich ein damals (im Jahr 2006) soeben erschienenes Kletterführerheftchen in der Hand, das dem Leser von 160 Routen in 16 Sektoren erzählte, das aber nicht den Anschein erweckte, das neue Klettermekka Nordeuropas zu werden. Auch ließ die Verteilung der Schwierigkeitsgrade nicht gerade auf eine hohe Dichte ambitionierter Kletterer und Erschließer schließen.

Nie lag ich mit einer Einschätzung dermaßen daneben. Dass es nur einen Felsen mit einigen, wenigen Routen im 8. Franzosengrade gab, lag daran, dass seine Erschließung erst ein Jahr zuvor begonnen hatte. Und dass nicht überall reihenweise 8b’s anzutreffen waren, lag daran, dass der im Jahr 2006 noch amtierende Juniorenweltmeister aus Fribourg, Daniel Winkler, sein Training vornehmlich indoor absolvierte.

Vier Jahre später halte ich den soeben neu erschienen Kletterführer „Escalade Fribourg – Klettern Freiburg“ in der Hand, der mich aus 460 Routen in 24 Sektoren wählen lässt. Gut 130 davon bis 6a, der Großteil im 6. und 7. Franzosengrad, über 60 Roten ab 8a, 11 davon von 8c bis 9a. Dieser Boom trägt vor allem einen Namen: Daniel Rebetez. Betrachtet man den wichtigsten Sektor des Werkes, „La Tribune“ in Charmey, dann war Daniel an der Erschließung aller(!) 91 Routen beteiligt. Und betrachtet man die Liste noch offener Projekte und kennt man die Liste noch unerschlossener Felsen und Linien, dann weiß man, dass er (oder andere) noch einiges zu tun haben.

Die Gebiete erstrecken sich auf einer Fläche von ca. 30 mal 30 Kilometer, die wichtigsten Sektoren oberhalb der Stadt Bulle liegen jedoch nur wenige Kilometer auseinander. Im Großteil klettert der Besucher in gewöhnlichem Voralpenkalk mit Leisten und Löchern, manchmal ein wenig wild und den spanienverwöhnten Onsightkletterer verwirrend geschichtet, aber weitgehend von guter bis sehr guter Gesteinsqualität. An einigen Felsen trifft man aber auch auf Konglomerat, Tuff und Sandstein. Eine Besonderheit, die vor allem den Mittelgebirgskletterer neidisch werden lässt, sind die jeweils besten Kletterzeiten der verschiedenen Sektoren. Kann man sich bei 30 Grad im Tal in die auf knapp 2000 Meter und exponiert gelegenen Gastlosen oder ins Jansegg retten, bieten die voll nach Süden ausgerichteten und frei stehenden Sektoren in Charmey auch an sonnigen, windstillen Wintertagen, bei Taltemperaturen bis minus zehn Grad beste Bedingungen. In den Übergangsjahreszeiten wird die Auswahl noch größer und selbst in Zeiten gemeinster Schneeschmelze bieten noch eine Handvoll immer trockener Felsen einen Zufluchtsort für den Besessenen. Die Bedeutung dieser Sektoren steigt so auch exponentiell mit den Millimetern Niederschlag der letzten Tage oder sogar Wochen. Wer bei dem Wort „Alpen“ Angst um seinen Oberschenkelumfang und seine Lunge bekommt, der sei entwarnt. In 30min sind 90% der Routen erreicht.

Vor allem viele der in jüngster Vergangenheit erschlossenen und erstbegangenen Routen machen die Gebiete des Freiburger Oberlandes inzwischen für Kletterer aller Grade interessant. Sektoren wie „Pont-la-Ville“ mit 50 Routen zwischen 3c und 6a+ gehören genauso zum Angebot, wie die 160 Touren in Charmey, zwischen denen der Fortgeschrittene noch 55 „8a und mehr“ findet. Auch die 2009 und 2010 erstbegangenen Routen „Le donjon de Naheulbeuk“ und „Force du rapport“, beide 9a, setzen ein Ausrufezeichen in einem Land, in dem die 9a’s sich noch an zwei Händen abzählen lassen.

Was man braucht, um vom ersten Tag an abzuräumen, ist vor allem durch die Gesteinsschichtung und Feinstruktur festgelegt. Zwar ist der vornehmlich anzutreffende Kalk rau, aber außerordentlich griffig ist er nicht. Zudem ist er in Nordalpenmanier nicht horizontal, sondern frei nach Schöpferlaune geschichtet. Die moderateren Routen bis 6c sind so selten steiler als senkrecht und eher eine Herausforderung an Technik und Fingerkraft. Schlüsselpassagen gestalten sich kurz und ein „Standruhepunkt“ lässt meist nicht lange auf sich warten. Und obwohl die Touren der höheren Grade dem Aspiranten zwar bis zu 50m Durchhaltevermögen abverlangen, gibt es auch hier selten diese volle Länge ohne Rastpunkt auf einer Platte oder in einer Verschneidung. So überwiegen Maximalkraft und Maximalkraftausdauer in eher fingerkräftig-technischem Ambiente. Das soll nicht heißen, dass es nicht steil zuginge – so mancherorts liegt die Crux in 45°-Schieflage und mehr – aber das ist dann selten unter 8a zu haben. Wer sich die Arme jedoch nach spanischem Vorbild richtig aufpumpen will, dem sei ein Ausflug auf die Nordseite der Gastlosen angeraten.

Für Tage, an denen aus Gründen der Wetters nichts geht, gibt es Kletterhallen in Fribourg, Bulle und Bern. An Tagen, an denen aus Gründen der Haut oder der Muskeln nichts geht, oder einfach nichts gehen soll, gibt es Verschiedenstes zu sehen und zu tun. Ohne sich vom Zentrum des Gebiets mehr als 10km zu entfernen kann man (natürlich) wandern, aber auch indoor wie outdoor baden, Schlösser und Klöster besichtigen, Schweizer Stereotype in Schokolade- und Käsebetrieben (be)suchen oder die lokale Küche in den überall zu findenden Restaurants erkunden. Ab einer halben Stunde Fahrt stehen zudem die sehenswerten Altstädte von Fribourg, Murten oder Bern und das dazugehörige Kulturprogramm, oder auch die Weinberge des Genfer Sees zur Auswahl. Keine Angst im Übrigen vor der Sprache. Zwar ist der Kanton Freiburg zu 75% frankophon, sowohl die meisten Menschen, wie auch Schilder, Speisekarten und Schautafeln sprechen jedoch beide Sprachen.

Zudem befindet sich der Kanton Freiburg mit Berner Oberland und Wallis in einer Stunde Entfernung und dem Tessin in zwei in bester Gesellschaft und liegt für die meisten Deutschen auf dem Weg nach Südfrankreich ohnehin auf der Strecke. Und wer weiß, vielleicht entscheidet man nach den ersten gekletterten Routen, sich selbst und der Umwelt die Weiterfahrt gleich ganz zu ersparen.

 

Lage: 30km südwestlich von Bern.

Anreise (Auto): Nach Freiburg (in der Schweiz!) und dort am Besten in einem Kletterladen (siehe unten) das neue Topo kaufen. Wer es so probieren will, sollte weiter nach Charmey fahren. Die Felsen befinden sich linker Hand kurz hinter der Ortschaft. Vom Parkplatz an einer Brücke über die Jogne steigt man zu den Sektoren „Secteur de milieu“, „Ancien secteur“ und „La Tribune“ auf. Spätestens dort sollte man dann aber auf jemanden mit Topo treffen (oder solide 8c klettern).

Anreise (Zug): Ab Fribourg bzw. Bulle fahren Busse zu den Ausgangspunkten etwa der Hälfte(!) der Sektoren (im Topo sind die Haltestellen verzeichnet).

Unterkunft: Campingplätze gibt es in Schwarzsee, Epagny, Enney, am Jaunpass, Gumefans, Sorens und in Bonnefontaine (ohne Probleme im Internet zu recherchieren). Weitere Unterkünfte sind im touristisch gut erschlossenen Freiburger Oberland überall zu finden (oder unter www.la-gruyere.ch).

Verpflegung: Supermärkte in Charmey, Epagny, Bulle…

Wasser: Wie in Frankreich verfügt jede Ortschaft über öffentliche Trinkwasserbrunnen.

Kletterläden:    Boogaboo Sport, Rue du Pont-Suspendu 4,  1700 Fribourg;

Oxygène Montagne, Route de Ferpicloz 8, 1731 Ependes.

 

Topo :  „Escalade Fribourg – Klettern Freiburg“, enthält alle erdenklichen brauchbaren Infos und ist käuflich in den regionalen Kletterläden, unter www.grimper.ch oder www.pizbube.ch.

Internet: Mehr Topos, Infos und Beschreibungen findet ihr unter www.grimper.ch und www.lizardclimbing.com.

 

Sektoreninfo:

Es sind hier auswahlhaft sieben der insg. 26 Sektoren (z.T. mit Topo) beschrieben. Für‘s volle Vergnügen von Kletterern und Erschließern sollte man jedoch den neuen, 100% aktuellen Führer erwerben.

 

Charmey Zufahrt: Von Bulle nach Charmey, auf der Hauptstraße bleibend durch die Ortschaft hindurch und für den Sektor „La Carrière“ nach 300 Metern linkerhand vor (nicht im!) Steinbruch parken. Für die anderen Sektoren nochmals einige hundert Meter weiter und linkerhand (etwa in der Mitte der langen Geraden) vor einer Brücke über den Fluss parken.

 

Charmey – La Carrière:

26 mittelsteile Routen zwischen 6b und 8b in bestem Kalk und quasi ohne Zustieg. Eher am Wochenende zu empfehlen, denn der Steinbruch in nächster Nähe kann ganz schön auf die Nerven gehen.

Zugang: Durch den Steinbruch leicht rechts haltend zur gut sichtbaren Wand.

 

Charmey – Secteur de milieu:

Das neueste Kind im Charmey-Quartett ist genau der Ort für die, die es nicht lassen können. In den 19 meist kurzen, immer trockenen Routen zwischen 7a und 8c klettert es sich auch an jenen Tagen, an denen sonst wohl jeder in die Halle geht.

Routenempfehlungen: J’accuse (7b+), Le bénéfice du doute (7c+), Circonstances atténuantes (8a+), Abus de confiance (8c).

Zugang: Über die Brücke am Wohnhaus vorbei und gerade den Wald hinauf in etwa 10min. zum „Ancien secteur“. Von dort in 50m nach links querend zum Einstieg.

 

Charmey – Ancien secteur

Idealer Partner des „Secteur de milieu“ in 50m Entfernung und mit schönen, moderaten Routen zwischen 5b und 7b+.

Zugang siehe „Secteur de milieu“.

 

Charmey – La Tribune

Daniel Rebetez’ Meisterwerk. 91 Routen in allen Stilen und Graden (5c bis 9a), wobei es so richtig spaßig erst ab 7a wird. 10 bis 50 Meter soliden, vielerorts besten Kalks in schönem Ambiente.

Routenempfehlungen: Fruit du larcin (7a), Le piaf (7b), Aérophobie (7c), Idée noire (8a), Un procès aux étoiles (8b), La lutte des classes (8b+), One way (to get it unraveled) (8c), Force du rapport (9a).

Zugang: Wie oben über die Brücke, am Haus vorbei, in den Wald und nach 50m (bevor es steil wird) auf einer Forststraße nach rechts aufsteigen bis ein Pfad links (50m vor Ende der Forststraße) abzweigt. Diesem in insg. 20min zur Wand folgen.

 

Pont-la-Ville

43 Möglichkeiten zwischen 3c und 6a+ auf festem Konglomerat mit vielen Haken und in Nähe des Sees. Im Sommer schattig, im Winter sonnig und schnell zu erreichen. Das ideale Ziel für moderate Intentionen.

Zufahrt/Zugang: Von La Roche oder Rossens nach Pont-la-Ville und auf dem Gemeindeplatz parken. 100m auf der Hauptstraße bergab und an einer Alutafel auf einen Forstweg abbiegen und diesem 500m lang bis kurz nach freistehendem Haus folgen und wiederum einer nach Alutafel dem gut sichtbaren Weg zur Wand folgen.

 

Epagny:

In den beiden Sektoren „La source“ und „Shamballa“ gibt es in Sichtweite des „Chateau de Gruyère“ knapp 40 Routen im 6. und 7. und einige im 8.  Franzosengrad, darunter die meisten mit Allwettergarantie.

Zufahrt/Zugang: Von Bulle bis Broc nach Kreisverkehr eingangs des Dorfes biegt man links Richtung „Les Marches“ ab. Nach einer geraden Strecke und bevor die Straße ansteigt, rechts  am Straßenrand parken, zu Fuß dem Kiesweg am Fluss 1.5 km lang folgen. Kurz vor der Holzbrücke mit Dach links 50m aufsteigen und auf der Weide 500m am Waldrand entlang. Unter der Stromleitung hindurch und einen kleinen Pfad in den Wald hinein bis zu den Felsen folgen. Zugang „Shamballa“ im Führer nachlesen!

Jansegg:

Gegenüber der Gastlosen in perfektem, ruhigem Bergambiente gelegen, gibt es auf ebenso perfektem Kalk zwischen 4c und 8c+ 34 mal pures Vergnügen. Besonders die „Klinge“ mit 7c, 7c+, 8b, 8b, 8c, 8c und 8c+ stellt Besucher vor einige Herausforderungen. Und das auch ei 30 Grad im Tal. 

Routenempfehlungen: La bourse ou la vie (6b), La peau sur les os (7b), La pelle du mutant (7c), Jeu d’enfant (8a), Trivial Pursuit (8b), Excellence (8c), Le roi lézard (8c+).

Zufahrt/Zugang: In Jaun nach der Tankstelle links Richtung Kirche immer der Beschilderung „Jansegg“ knapp 2km bergan folgen und nach einer langen Traverse in der Haarnadelkurve nach der Alm „Untere Jansegg“ parken und in 5min. zu Fuß auf der befestigten Straße bis zum Lastenaufzug. Dort rechts hoch und oben dem U-Tal bis zum Ende folgen.

 

Interview mit Daniel Rebetez, dem aktivsten Erschließer der Region:

Hallo Daniel! Glückwunsch zum neuen Topo! Was denkst Du, wie viele Haken Du in den letzten Jahren in wie vielen Routen in den Freiburger Voralpen versenkt hast?

Ich weiß nicht genau, darüber habe ich nicht Buch geführt. Was ich Dir aber sagen kann ist, dass jede Route ein super Abenteuer war. Ich habe viele schöne Erinnerungen. Auch weniger schöne, aber das vergisst man ja schnell.

Woher kommt Deine unbeugsame Motivation?

Ich liebe den ganzen Prozess des Erschließens: Felsen suchen, Stunden am Wandfuß verbringen, um Linien zu finden, die Haken setzen, die Griffe bürsten, die Moves entschlüsseln. Nach einem Tag Routenerschließen ist man total kaputt und es tut einem alles weh, aber man ist wirklich zufrieden. Zudem hat man unendlich mehr Vergnügen, wenn man eine Route klettert, die man selbst eröffnet hat.  

Nebenbei machst Du einen Doktor in Geologie, kletterst 8b+, betreust einige Internetseiten, veröffentlichst Topos, hast eine Kletterschule und bald auch eine Kletterhalle. Und das mit 26 Jahren. Eine Karriere im Zeichen des Profits oder des Altruismus?

Die Geologie ist meine Arbeit, das Klettern reine Leidenschaft. Ich liebe es, selbst zu klettern, aber ich habe auch viel Freude dabei, diese Aktivität anderen näher zu bringen. Deshalb investiere ich auch einiges an Energie, um die Klettermöglichkeiten der Region auszubauen.

Es gibt ziemlich viele Protektionisten unter den Kletterern. Hast Du keine Angst vor Touristenhorden, die in „Deine“ Gebiete einfallen?

Nein, sicher nicht. Ich bin gegen dieses egoistische Verheimlichen von Spots. Vor allem in einer nur wenig bekannten Region wie dieser. Ich verstehe auch nicht, dass man anderen Kletterern nicht erlaubt ein Projekt zu probieren. Das bringt dem Klettern gar nichts. Ganz im Gegenteil macht es Spaß zu sehen, wie Leute sich in den Routen versuchen und diese aus ihrem Projektstatus befreien.

Was ich dagegen überhaupt nicht vertrage, sind diese Kletterer, die Routen und Erschließer kritisieren, ohne jemals selbst ein Spit zu  setzen. Ich denke das ist ein Zeichen von Frustration: Man schafft eine Route nicht und deshalb taugt sie nichts.

Prognose eines Spezialisten: Wie viele Haken wird man noch in den Freiburger Voralpen versenken?

Es gibt noch jede Menge Platz. An kleinen Massiven, wie sie im Topo beschrieben sind, aber auch in den Gastlosen stehen  noch schöne Wände. Ich merke, dass du motiviert bist. Wenn du willst, leihe ich dir die Bohrmaschine!

Sehr gerne. Vielen Dank fürs Interview  und für Deine vielen schönen Routen!

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