Züruck

Jansegg – Gegenpart der Gastlosen: Kürzer, härter, kühler, besser?

Blick vom Jansegg auf die Nordseite der Gastlosen
Nur Murmeltiere und Steinadler stören die Ruhe im Jansegg. Und Gastlosen versperren ein bisschen den Blick, aber sonst...

Die kleinen Punkte auf der hellen Wand gegenüber bewegen sich langsam durch die das Sichtfeld meines Fernglases. Gerade so, dass sie überhaupt von der Stelle kommen und ich sie nicht für ungewöhnliche Felsverfärbungen halten muss. Liegt es an den vielleicht 4km Luftlinie, die mich von ihnen trennen? An der häufig eher moderaten, vertikalen Kletterei, bei der man nie richtig „Gas geben“ muss, sondern alles wegstehen kann? Oder tun es die Kletterer da drüben schlichtweg Eidechsen gleich, die sich in der Hitze nur noch langsam fortbewegen?

Es weht ein leichter Wind über den Grat, der sich ca. 100m über mir befindet, ansonsten regt sich nichts. Der Himmel ist stahlblau, nicht einmal über den Berner 4000ern quillt ein Wölkchen, die Luft, so wie ich sie mir in der Wüste vorstelle: Ausgetrocknet. Die Wand gegenüber ist die Nordwestwand der Gastlosen, ein imposanter riesiger Grat, mit vertikalen, leicht überhängenden bis zu 350m hohen Wänden darunter, Mehrseillängenrouten, aber auch vielen Baseclimbs. Aber: Es ist vier Uhr Nachmittags und die nicht unbedingt kühle Julisonne kommt gerade in die Wand. Im Tal steht die Luft bei knapp 30 Grad herum und ich kann mir gut vorstellen, wie da drüben geschwitzt wird. Hier, im Jansegg, dagegen hat sich die Sonne seit einer guten Stunde verabschiedet, die Luft kühlt langsam ab, dazu Wind, Grip wie an den besten Tagen in Céüse – wir befinden uns auch hier auf 1800m über dem Meer – aber durchschnittlich ein paar Grad weniger als in der Provance. Nicht, dass wir hier zu viel mit Céüse vergleichen wollen, jedoch… Der Fels: Kalk, löchrig, kompakt, überhängend, dort wo er vertikal ist, wasserzerfressen. Die Routen: Selbstverständlich viel weniger, gut 30 mit Potenzial für 10 – 15 lohnende Linien, aber allesamt sehr gut, einige sogar eher unter „genial“ nachzuschlagen, 15 – 30m lang, nach besten Schweizer Standards eingerichtet. Das Ambiente: Kein majestätischer Rundblick wie in Céüse, gelegen in einem U-Tal hat man beim Zustieg jedoch zunächst freien Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, vom Einstieg dann bei besagtem Wetter sogar auf das Matterhorn über den östlichen Ausläufern der Gastlosen. Und natürlich stets deren Nordwestwand, die sich gegen Abend hin in immer rötere Gewänder hüllt. Außer dieser phantastischen Sicht belastet die Sinne in der Umgebung nur wenig: Keine Kuhglocken, selten andere Kletterer, keine Straße weit und breit. Absolute Stille, ab und zu ein paar Gämsen oder ein pfeifendes Murmeltier.

Das Jansegg gliedert sich in zwei Sektoren, die jedoch nur durch eine fünf Meter breite Rinne getrennt sind. Im linken Teil überwiegt vertikale Wandkletterrei an Dullen, Slopern und Leisten, aber auch Löchern (sogar ein paar Sinter finden sich, die allerdings noch nicht erschlossen sind). Außerdem gibt es zwei überhängende Rissrouten, sowie drei ganz einfache, kurze im 4. und 5. Grad. Der restlichen zwölf Linien liegen zwischen 6b und 8a. Durch die Homogenität der Wand ohne No-Hand-Rastpunkte entsteht ein Anforderungsprofil zwischen Maximalkraftausdauer und Kraftausdauer, freilich wartet auch die ein oder andere Einzelstelle auf den Probanden.

Der rechte Teil spielt sich überwiegend auf der großen Platte ab, die die Wand dominiert. Der Fels ist moderat löchrig, hinzu kommen aufgesetzte sinterähnliche Strukturen und auch einige Leisten, Sloper und Risse. Die Platte ist ca. 20 Grad geneigt. Zum Glück in die falsche Richtung. So ergibt sich ein imposanter Spielplatz für begnadete bis sehr begnadete Kletterer. Eine ganz leichte kurze Route schlängelt sich noch über einen Vorbau, dann geht es bei knackig 7a+ weiter, knapp zehn Touren decken den 7. Grad ausreichend ab. Das meiste länger als 20m und so vom Charakter her eher ausdauernd. Im ganz linken und niedrigsten Teil der Platte befinden sich dann die absoluten Schmuckstücke der Wand. Kurz (zwischen 10 und 25m) und hart ist die Divise in „Excellence“ 8b, „Jeu d’enfant“ 8a, „Drop the line“ 8c, „Cryptocommuniste“ 8c (hier gilt es nicht der Versuchung zu erliegen, über den vertikalen Riss der 7b+ links davon einzusteigen. Nur hineintreten ist erlaubt, alles andere ist off-line) und „Le roi lezard“ 8c+, die vielleicht beste Route in diesem Grad der Schweiz. Geniales Gestein, Löcher, Leisten, abgefahrene Moves, die über 12m kein einziges Mal verschnaufen lassen. Aber Achtung, wer vor hat noch einen zweiten Tag zu klettern, sollte sich zurückhalten, wenn irgendetwas nachhaltig ermüdet, dann dieser Routenstil.

Da das Jansegg wenig bzw. eher von Locals frequentiert wird, hat sich bisher kein explizierter Schlafplatz herausgebildet. Sehr malerisch ist es auf dem Plateau unter Wand zu schlafen, dort gibt es aber keinen Zugang zu Wasser und alles Material muss eine halbe Stunde herangetragen werden. Außerdem kann es morgens, auf Grund des Fehlens von Bäumen schon mal ganz schön warm werden. Einfacher ist es da sich auf einer der Parkbuchten an der wenig befahrenen Zufahrtsstraße einzufinden (auch hier hat man freien Blick auf die Gastlosen), die von Brunnen förmlich gesäumt ist. Weiter bietet sich die Möglichkeit, auf der kleine Campingwiese in Jaun (an der Auffahrt zu den Gastlosen) zu nächtigen oder auf dem oberen Parkplatz zu ebenjenen, wo sich im Sommer häufig auch andere Kletterer herumtreiben. Ansonsten kann bei entsprechender finanzieller Ausrüstung freilich auch die lokale Gastronomie unterstützt werden. Hiervon gibt es reichlich in Jaun und Umgebung. Eine Möglichkeit sehr malerischer Art bietet sich  ca. 10km entfernt am Lac de Gruyère, an dessen Ufer in Botterens sich eine kostenlose Grill- und Campingwiese befindet.

Kommt man von etwas weiter her, bietet sich ein kombinierter Aufenthalt in Jansegg, Gastlosen und bei nicht zu hohen Temperaturen auch Charmey an. Nach heftigen Sommergewittern braucht das Jansegg nämlich ein bis zwei Sonnentage um abzutrocknen, ist dann aber auch wieder einwandfrei bekletterbar, da es kaum Stellen gibt, an denen Wasser durchdrückt. Diese ein bis zwei Tage kann man dann an den immer trockenen Wänden der Gastlosen verbringen, von wo aus man wiederum den Zustand des Jansegg im Blick hat.

Alles in allem ist das Gebiet ein absolut zu empfehlender Geheimtipp, vor allem für Kletterer der höheren Schule, aber auch für die leichteren Routen lohnt sich der Zustieg nicht zuletzt wegen des grandiosen Ambientes. Besser als die Gastlosen gegenüber kann man vielleicht nicht sagen, muss man aber auch nicht, liegen die beiden ja nur 4km auseinander. Zudem werden sich sicher in nächster Zeit noch einige Traumlinien zu den bereits bestehenden gesellen…

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