Immaterielle Geschenke und der Kampf um einen ersten 7C+ im Konglomerat des Cajon de Maipo, Choriboulder. (Versuch einer grünen Reise, Kapitel 4, 22.12.15 – 27.12.15)

Weihnachten, das Fest der Geschenke, des guten, reichhaltigen Essens, und was gleich noch? Der Liebe, klar.

Wir bauen einen Schneemann im Lawinenkegel, auf den Bergflanken ringsherum glänzt es  reichlich weiß unter der beinahe vertikalen Sommersonne und den gut 20° Grad im Schatten. So viel zur weißen Weihnacht, die sie zu Hause ja mal wieder vergessen können. So viel habe ich vor der Fahrt hier her noch im Internet gelesen.

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Der beste Weg mit Kindern Klettern zu gehen. Zwischen den Blöcken parken und hoffentlich nicht versanden.

Der Cajon de Maipo liegt zwei, drei oder auch vier Stunden oberhalb von Santiago, je nach Verkehr, der in Chiles Hauptstadt schon mal sehr sirupartig werden kann. Gegen Ende wird die Straße Piste und dann verdient sich der Sprinter seinen ersten Spitznamen: Rampensau. Ein steiles Stück Weg, teilweise ausgewaschen, sieht sehr aus nach: ich schrotte jetzt gleich die neue Kardanwelle am Unterboden. Der Sprinter, der mit seiner blöden Automatik nicht gerne im Steilen anfährt, noch mit seinem Dieselmotor zu untertourig werden sollte, schießt in die Steigung hinein, zum Glück sitzt Jeanne hinten, sie würde jetzt einen Rappel bekommen, das Heck rutscht in die Fahrrille ab, aber wie durch ein Wunder setzen wir nicht auf und dann sind wir oben. Und auch wenn an diesem windigen, wolkigen Abend Choriboulder noch nach nicht so viel aussieht, wird es schon am nächsten Tag seinen eigentlichen Reiz enthüllen. Die Landschaft ist nicht spektakulär, das Vulkanmassiv über uns aber schon sehr besonders. Der Konglomeratfels ist nicht an sich fotogen, aber er klettert sich geil und immer wieder schleichen sich vulkanische Strukturen ein, die dann wiederum bizarrste, pittoreske Formen ergeben. Das Becken, bestanden mit niedrigen, gelb blühenden Büschen, dem Kranz aus Blöcken außen herum und dem Fluss dazwischen wird nur durch die Baustelle etwas unterhalb in seiner Heimeligkeit gestört. Auch ohne Topo finden sich überall Chalkflecken und die Auswahl ist alleine in diesem Sektor gigantisch. Von den 95% möglkchen, aber noch ungeputzen Linien mal ganz zu schweigen. Außerdem steht der Bus direkt vor einem der besten Boulder, welcher wiederum den bitter nötigen Schatten spendet, um der schon nach wenigen Tagen mittags sehr unerträglichen Sonne zu fliehen.

Der ideale Ort, um wieder fit zu werden. Denn das habe ich nötig nach fünf Wochen ohne Felskontakt bei einmal einer Stunde Training am Plastik. Zwar gelingt es mir, einen schon reichlich abgekletterten (der Speck an den viel gekletterten Bouldern ist einer der Hauptnachteile hier) 7C+ beinahe zu flashen, dann aber geht fast zehn Versuche auch nicht mehr mehr, die dünne Haut schwindet schnell und die Kraft, dünn in ihrem Volumen, ebenso. Ein Geschenk ist diese Form nicht gerade, vier Kilo bin ich nach drei Wochen Kreuzfahrt zudem ungefähr schwerer.

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Was wäre Weihnachten ohne Schneemann? Wie in Europa?!

Es ist Heilig Abend und das Fest der Geschenke scheint vollkommen auszufallen. Jules hat seinen Hund schon, Jeanne und ich haben uns gegenseitig nur uns selbst mitgebracht und Aliénor hat das Konzept praktischerweise noch nicht verstanden.

Dachten wir. Als ich schon mit schmerzender Haut auf den Matten sitze und die Nacht sich langsam anschickt über den Vulkan zu kriechen, beginnt die Kleine nach einigen eher kurz angelegten Versuchen in den letzten zwei Wochen tatsächlich richtiggehend zu laufen. Fast ohne hinzufallen dreht sie Runde um Runde, steigt von den dicken Crashpads herunter und wieder herauf und erweitert ihren Radius schließlich auf den Staub außen herum. Dabei strahlt sie übers ganze Gesicht und wir strahlen auch. Ich will jetzt keine meiner vielen bisherigen Weihnachtsgeschenke in ihrem Wert schmälern und natürlich war ich als Kind an sich eine Ecke euphorischer angesichts der neuen Legoburg, aber ich bin mir nicht sicher schon einmal ein so schönes Geschenk bekommen zu haben.

Am ersten Feiertag schrauben wir sogar noch ein Weihnachtsessen aus unserem drei mal gar nichts. Pfannkuchen mit diversen Füllungen und Wein haben wir zum Glück auch noch genug. Der war selbst in Argentinien extrem günstig und gut. Es ist ein anderes Fest, viel karger und einfacher und zum ersten Mal in meinem Leben nicht im Kreise unserer Hausgemeinschaft. Ich denke mit einem warmen Lächeln an die zu Hause und wir finden sogar ein Loch im allgemeinen Funkloch und übersenden liebe Grüße. Dann legen wir uns wieder in den weihnachtlichen Schatten. Um neun Uhr wird es dunkel. Anderes Fest.

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Es gibt in Choriboulder viel Gestein, das sich super beklettert, aber nach nicht viel aussieht. Und dann gibt es das.

Inzwischen denke ich von heute als Mitte Juni. Mein Hirn scheint diese Eselsbrücke zu brauchen, um zu akzeptieren, dass hier im Dezember der Sommer kommt.

Wir hätten länger bleiben wollen, aber es wird schließlich immer heißer und es wartet ja auch noch so viel, so viel. Der Süden. Patagonia. Am 2. Weihnachtsfeiertag kämpfe ich mich tatsächlich noch diesen 7C+ hoch, der im Topo sogar nur als 7C steht, und freue mich doch wie über einen 8A+ bei normaler Form und normalen Bedingungen. Hauptsache platt, Hauptsache anreißen. Es ist auf allen Niveaus das selbe Spiel. Immer wieder wunderbar, auch nach 17 Jahren.

Dann schwingen wir die Hufe. Patagonia.

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Eine Dose Plätzchen aus der Pfanne. Für Kinder unter vier eigentlich gleichbedeutend mit einer Tonne richtiger Weihnachtsbäckerei. Aber irgendwie einfacher.

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