10cm vom Ende der Schwierigkeiten in Via de la Capella (9b) in Siurana entfernt. Foto: Daniel Bartsch

Es ist keine bedingungslose Flucht. Nicht um jeden Preis. Auch wenn ich schon wieder nah dran war, mein Vorhaben, die nächsten Jahre aus ökologischen Gründen nicht mehr zu fliegen, über den Haufen billiger Flugangebote, die das Internet überschwemmen wie Plastik den Pazifik, zu werfen. Ich buche schließlich einen Reisebus nach Barcelona. 24 Stunden von München. 27 Stunden von Haustür zu Parkplatz unter den Felsen. So viel Zeit kann ich meinen Idealen schon zur Verfügung stellen. Egal wie hoch der Druck ist, dem klettertechnisch miesesten Spätherbst und Frühwinter seit (meinem persönlichen) Menschengedenken zu entkommen.

Mies vor allem, wenn man das, was man auf Grund des Wetters nicht machen kann, mit dem multipliziert, was man angesichts der Form hätte machen können. In den einzigen zweieinhalb kletterbaren Oktoberwochen seit unserer Rückkehr aus Südamerika Anfang September gelingen mir direkt drei meiner vielen offenen Projekte. Aus veröffentlichungstechnischen Gründen sei an dieser Stelle nur so viel gesagt: From Doubt to Confidence (9a) an der Rockywand in Kochel ist mit seinen drei Tagen Aufwand in diesem Jahr (und den insgesamt wohl rund acht) das mit Abstand kürzeste und leichteste.

Noch bis Anfang November halte ich meine phänomenalen, auf dem Altiplano verlorenen fünf Kilo unter Normalnull (sprich ca. 65kg statt 70kg), erst dann geht es langsam wieder die Waage bergan. Ohne groß an Form zu verlieren. Ich bouldere im Garten, ja sogar indoor, und als ich schließlich für die zweieinhalb Wochen Spanien über den Jahreswechsel mein Einverständnis zu Chulilla gebe, denke ich mehr oder minder heimlich: Siurana!

Via de la Capella!

9b.

Adam Ondra. Damals 2011 für ihn neun Tage Arbeit.

Klingt verrückt. Ist es auch. Aber in einem Jahr wie diesem scheint nichts zu vermessen, um zumindest mal den Meterstab anzulegen.

Auch in Siurana kann man sich den Allerwertesten abfrieren. Foto: Danial Bartsch

Ich kenne die Route aus zwei Ausflügen 2011 und 2013 und in verschiedenen Abstufungen der Chancenlosigkeit. Zuletzt selbst im 7A+ Startboulder gescheitert. Auf diesen folgen dann 8B und 8B. Ohne Ruhepunkt versteht sich.

Fährt man von Barcelona nach Chulilla (also ca. Valencia) liegt Siurana im Grunde vollkommen logisch auf dem direkten Weg. Kürze ist manchmal eben eher ein wonniges Gefühl, als eine gefühlskalte Rechnung.

So stehe ich denn unter der Route. 28. Dezember. Vier Grad. Regen. Fetzenerkältung. Seit November habe ich vier Kilo zugelegt. Es hängen Sponsoring-Exen. Eine italienische Marke mit vier Buchstaben, die an Zelten erinnert. Ich denke an diesen fitten jungen Italiener, dessen Name ich nicht aktiv kenne. Nur von den bereits recht zahlreichen 9b, die er gemacht hat, habe ich zum Teil gelesen.

Ich denke an ihn (nennen wir ihn der Einfachheit halber vorgreifend Stefano Ghisolfi), weil dies hier Gerüchten zufolge die erste bestehende Route (nicht mehr Projekt) in Chris Sharmas Kletterleben an der Weltspitze war, in der er am ersten Tag nicht alle Züge hinbekam. Ersteres kann ich nicht genauer überprüfen, letzteres habe ich selbst gesehen, weil ich zufälligerweise rechts davon in Jungle Speed (9a) zu schaffen hatte.

Die Route könnte das Endziel in meinem Sportkletterleben sein – wenn Adam neun Tage benötigt, dann brauche ich nicht schwerer klettern zu wollen – aber seien wir ehrlich: Auch diese Route ist reiner Vorwand. Es geht doch immer um das Leben dahinter. Davor und danach. Die Menschen. Die Orte. Wer geht schon nach Siurana zum klettern? Ich meine: nur zum klettern?

Ich nicht.

Eingangstor zum Paradies von innen betrachtet. Der Blick von der 9b in Richtung Cornu. Foto: Daniel Bartsch

Vor dem Besuch im Sektor war ich oben auf dem Felsenriff. Oberhalb des zentralen Parkplatzes. Kiefern, Rosmarin, ein bisschen Wind und der Blick über den Rio de Siurana hinweg auf die gegenüberliegende Felsenseite. Arboli.

Du spürst, wenn du siehst, dass etwas zu dir gehört. Zum Inventar deines Hirns.

So diese Felsen und der Wald darauf und darunter.

(Auch Christus kam nur bis nach Arboli. Warum sollten wir unsere Blicke weiter wandern lassen?)

Vermutlich für mehr als ein halbes Jahr meines Lebens ist die erste Sonne eines jeden Tages über diesem Tal aufgegangen. Und der Wind dahinter geblieben. Es war diese Wärme während unzähliger Frühstücke oben ohne, die sich vom anstehenden Februar ausgehend retrograd in den kompletten Winter hinein erstreckte. Während meines gesamten Studiums wärmte ich mich in Vorfreude am Blick über den Fluss und an der Stille über dem Thymian durch die hochnebeligen Wochen am Alpennordrand hindurch.

Klettern als Ausrede für ein besseres Leben.

Keine besonders faule Ausrede allerdings. Bei allem Gechille in den nach Frühling duftenden Südhängen gelangten doch zwei meiner bis heute sechzehn Routen im neunten Franzosengrad in Siurana auf meine Liste. Und nicht irgendwelche, sondern in Sachen Chronologie Nummer eins und fünf. A muerte und Jungle Speed.

Auch in Via de la Capella sollte ich keine falsche, träge Bescheidenheit vortäuschen. Nicht umsonst hat diese Route noch keine Wiederholung, mindestens einen Tritt weniger und inzwischen auch einen zentralen Griff als zu Erstbegeherzeiten. (Letzteres weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, sonst würde ich vielleicht gar nicht einsteigen.)

Aus meinen bisherigen zwei halben Versuchen weiß ich, dass Adams Methode vogelwild ist. Vor allem unten. Dort, wo ich jetzt hänge. Der Startboulder geht diesmal gut. Er endet an einem passablen Griff für zwei Hände. Von dort machte Adam sechs Züge über links, von denen Chris zumindest einen nicht gebacken bekam, und auch wenn es vielleicht nur einen Kletterer gibt, dessen Methoden ich vollkommen vertraue – Adam ist ziemlich gleich groß und hat ähnliche Präferenzen wie ich – wage ich doch, mich ein bisschen umzusehen, bevor ich mir an der vogelwilden Passage die Zähne verbeiße. Und siehe da. Schlappe 1,30m rechts oben ist noch ein Griff. Drei Finger. Erstes Fingerglied. Beinahe positiv bei 30° Wandneigung. „Kelle“, würde ich sagen. Über die lange Achse reicht es mir genau von einem passablen Tritt.

Stefano wird mir später erzählen, er habe drei Tage für den Zug gebraucht. Ich brauche drei Minuten. (Es gibt Momente im Leben, in denen es von Vorteil ist, groß, schwer und höchstens auf Niveau der Finger annähernd so trainiert wie die Konkurrenz im unteren 12. Grad zu sein.)

Oben allerdings steilt die Route auf und was würde ich an dieser Stelle dafür geben, italienisch klein, leicht und damit verschachtelungsfähig zu sein. Trotzdem bekomme ich mit der richtigen Schuhkombi (Instinct VS links, Furia rechts) die Ägyptercrux und die folgenden Züge zügig alle zusammen. Im dritten Versuch am zweiten Tag in Folge bin ich schon nicht mehr sehr weit vom „Durchstieg“ mit einem Hänger im Seil entfernt. Leider gibt es keine Ruhepunkte in der Route.

Sonne! Licht! Es gibt sie noch. Man muss allerdings ziemlich weit fahren (bis nach Chulilla und damit vermutlich die Ursachen für extrem instabiles Winterwetter weiter verschärfen.)

Da ich es versprochen habe und das Wetter zudem weiter regnet, windet und es nicht über die vier- Grad-Hürde schafft, setzen wir uns am Abend ins Auto und fahren vier Stunden nach Chulilla. Am nächsten Tag bin ich vollkommen zerstört. Erkältung, leicht lädierte Sehnenansätze im Ellbogen, leicht lädierter Finger. Eine kurze Nacht.

Es ist gut, über viel psychologische Stärke zu verfügen, aber der Körper zahlt es einem manchmal zurück.

In Chulilla aber wird alles anders. Nach zehn Tagen werde ich sagen können: Psychologisch so schlecht bin ich in den letzten zehn, eher fünfzehn Jahren nicht geklettert. Es ist wie Urlaub, nur kälter.

Besser geklettert: Julia Bolesch in einer 8a, deren Namen ich jetzt peinlicherweise nicht bei der Hand habe ;). Auf jeden Fall typisch Chulilla: Sinter, ein bisschen Speck, ein bisschen schwarz, ein bisschen weiß – und eine Hammerlandschaft.

Der Canyon ist wunderschön, außerhalb davon und in der Sonne ist es geradezu herzerwärmend mild (in Schatten und 50km/h-Wind eher Doppeldaunenjackenwetter) und die schönen Routen sind im Schnitt 63m lang. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber ich weiß aus leidvoller Erfahrung, was mit einer soliden Maximalkraft passiert, wenn man ein paar ordentliche Schichten Laktat darüber streicht: Sie macht sich auf und davon (viel schneller, als wenn man auf dem Sofa liegen bleibt). Will ich auf dem Weg zurück noch einmal erfolgreich in meine 9b, sollte ich hier besser nicht versuchen schwer zu klettern.

Was ziemlich bescheuert wäre. Ziemlich bescheuert ist.

Nicht hochzukommen kann auch eine Kunst sein. Trotz einiger Versuche, von denen bereits der 2. fast zum Erfolg führt, komme ich Primer asalto (8c) in Chulilla nicht hoch. Umso schöner dafür die Bilder von Mr. Bartschi. Foto: Daniel Bartsch.

Das gebe ich ganz offen zu. Aber auch das ist eine Seite meines Kletterns: Hyperstrategische Verdrängung des Ist-Zustandes. Ich versuche also mich nicht besonders zu pumpen und klettere im Austausch „nur“ eine 8c und eine zweite in knapp zehn Versuchen zwar beinahe (im ersten Go falle ich drei Züge vor Ende der Schwierigkeiten), aber dann eben doch nicht. Das kommt dabei heraus, wenn man mit meinen körperlichen Fähigkeiten ohne Überzeugung klettert. Außergewöhnlich sind meine Chulilla-Erfahrungen allerdings nicht. Abgesehen von gelegentlichen Geschenken bekommen im Grunde fast alle Besucher hier erstmal auf die Fresse.

Was wohl vor allem am Speck liegt. Specklilla ist mit Sintern „gesegnet“, die schon vom Anschauen glatt werden. Lässt man dann noch pro Weihnachtszeit geschätzte 1000 allein deutsche Besucher darüber und noch einmal 500 aus dem Rest Europas, plus den Restjahresbetrieb, und das seit einigen Jahren exponentiell immer mehr, dann kommt ein Mix aus riesigen weißen und nur unwesentlich kleineren schwarzen Flecken heraus. Aus der Distanz trotzdem sehr anschaulich und wo es rau ist absolut genial.

Beieindruckend ohne wenn und aber. Die 70m-Wände zu beiden Seiten der Schlucht.

In Siurana bleibt es kalt. Wir filmen für ein Porträt. Am einzigen Tag ohne Wind steige ich in oben genannte 8c ohne Shirt ein, um sodann tags darauf fürs Video weiter im gleichen „Outfit“ zu klettern. Bei unter zehn Grad und 60km/h Wind. Danach bin ich tatsächlich leicht traumatisiert von der Erfahrung und meide die nächsten Tage alles, was an Wind und Kälte auch nur entfernt erinnert (Ich sonne mich im geschlossenen Bus).

Das abschließende Wochenende Siurana habe ich mir redlich verdient. Wir kommen genau rechtzeitig zur ersten Wiederholung von Via de la Capella durch Stefano nach ebenfalls neun Tagen Arbeit. Leider verpasse ich den entscheidenden Go. Ein paar hilfreiche Tipps und die Bestätigung des Grades hinterlässt er mir aber auch so und in weiteren vier Versuchen komme ich trotz noch einmal 1,5kg mehr Speck auf den Hüften und kaum einem wirklich schweren Zug in Chulilla ganz gut voran und scheitere bei abgebautem Cheating-Tower nur knapp unter der Marke „einmal Ruhen im Seil“.

Was absolut phänomenal begann, fühlt sich nach vier zum Teil sehr kurzen Tagen in der Route etwas normaler an. Im Grunde perfekt für ein Projekt zu Hause, aber auch hier absolut schaffbar. Schließlich ist Siurana nach Südbayern und der Westschweiz mein drittes Zuhause. Und wenn der Winter im Norden so weiter geht, bin ich schon bald wieder da.

Und was gibt es Schöneres als eine der schwersten Routen der Welt als Vorwand für ein paar weitere Wochen Siurana?

Noch eine Idee aus Chulilla. Julia in schon oben nicht gekannter 8a.

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