Die schönste Linie der Reise, Comfort is killing us (9a), auf windigen 4300m – angesichts abgereister Kletterpartner leider nur alleine mit den Kindern am Fixseil geklettert.

Juan unterhalb der Crux von “Comfort nos mata”, der ersten 9a der Welt über 4000m in Tuzgle.

Es ist aus. Fast alles. Die Liste der Projekte. Das Gas im Bus. Der Wind (fürs Erste). Die Papiere für Malbec. Und jetzt: Der Turbo unseres Busses.

Die Straße steigt. Wir kehren um. Zurück nach Chile. 30km/h auf 160km hinauf zur chilenisch-argentinischen Grenze erscheinen uns nicht schnell genug. Ohnehin fehlen uns die nötigen Papiere, um die Kontrollen mit unserer Katze Malbec legal zu passieren. Also zurück nach Calama? Gute hundert Kilometer und garantiert mehrere Tage Aufenthalt um sicher die Papiere und vielleicht einen funktionierenden Turbo zu erhalten? Laut Internet gibt es 14 gute Gründe für das Problem. Einige davon ließen sich nicht einmal in Europa arrangieren. Ersatzteile kosten in Chile drei bis vier mal mehr. Wollen wir das? Die letzten zwei Wochen unserer Reise in der Form meines Lebens mit vielleicht-Autoheilen verbringen?

Nein.

Wir fahren also wieder hoch. Die Katze werden wir schon schmuggeln. Nicht viel erinnert an die erste Überfahrt über den Paso de Jama vor mehr als drei Monaten in einer Neuschneefront. Überall Büßerschnee. Wird es in Tuzgle in Argentinien ähnlich aussehen? Das wäre das Ende ohne Neuanfang.

Die Grenze naht. Wir haben Malbec ein Beruhigungsmittel gegeben, obwohl er nach Nächten mit minus zehn Grad im Freien eigentlich während der Fahrt fast nie aus seinem Versteck unter dem Fahrersitz herauskommt. Aber wir scheuen die normale Dosis wegen der Höhe und den damit verbundenen potentiellen Atemschwierigkeiten. Resultat: Eine Katze auf Drogen, die überhaupt nicht versteckt bleiben will. Sie torkelt und tut auch sonst wie betrunken. Ich baue sie unter dem Sitz mit Büchern ein. Sie maunzt. Wir stellen Musik ein. Prüfen die Unauffälligkeit der ganzen Sache.

Geht so unauffällig.

Die Coverstory: Malbec war entlaufen und jetzt (für den Fall, dass sie ihn finden), finden auch wir ihn ganz überraschend wieder. Die Kinder würden jubeln, usw. (Die Kinder werden es schon richten, wie immer.) Mal schauen, ob sie das schlucken.

An der Grenze: Malbec eingemauert, Musik laut aufgedreht, wir alle drinnen im Gebäude bei der Passkontrolle. Dann der Durchsuchungspart. Ich gehe zuerst zurück zum Bus, will den Herren, (die noch außer Sichtweite sind), öffnen. Ich öffne. Auf einmal vor mir auf dem Sitz: Die Katze. Sie hat sich rausgeschmuggelt aus ihrem Versteck. Ich handele so schnell ich muss, versuche nicht sie erneut im Bus zu verstecken, sondern stecke sie unter die Daunenjacke. Der Schwanz hängt raus. Jules steckt ihn rein.

Ich laufe weg.

Ich renne nicht, aber verhalte mich doch extrem verdächtig. Tue, als müsse ich erst einmal klein und – da Malbec beginnt zwischen den Knöpfen und am Kragen alle möglichen Extremitäten heraus zu schieben – dann auch noch groß aufs Klo (noch weiter weg). Ich könnte Durchfall haben.

Dort, etwa zweihundert Meter hinter dem Grenzzentrum, lasse ich die arme Katze auf Drogen im scharfen Wind des Passes. Juan kommt mir mit Kamera entgegen. Man fragt nach mir. Als ich dann wieder da bin, ist es aber nicht mehr so wichtig, wo ich war. Wir passieren.

Ohne Katze.

Hinter der Grenze gibt es Hühnchen und Bombons. Wir machen eine „Pause“. Jules und ich gehen in Richtung Malbec. Fotografieren. Er wird beauftragt in meinem Rücken „unbemerkt“ zur Katze hin wegzulaufen. Zurück nach Chile, sozusagen.

Ich renne – den erschreckten Vater mimend – hinterher. Erst finden wir die Katze nicht, dann kommt er maunzend an. Muss wieder in die Jacke. Wir machen Wettrennen zurück zum Bus. Auf 4200m. Jules keucht und rennt doch weiter. Dann sind wir drin. Gerettet.

Jetzt könnten wir die Katze auch hier gefunden haben. Aber niemand schert sich. Die Grenzbeamten scheuen ebenfalls den Wind.

Ich hätte auch einen 60l-Rucksack Kokain abladen können. – Geschenkt.

Wir fahren weiter.

Wiederankunft nach knapp vier Monaten in Tuzgle. Der Vulkan sieht noch immer blendend aus.

Lassen uns vom Rückenwind nach Tuzgle treiben. Beim letzten Mal hier vor dreieinhalb Monaten wurden wir von einem perversen Föhnstrum fortgetrieben. Jetzt empfängt uns selbiger, fast wie wir ihn gelassen haben. Nur ohne Wolken. Ein bisschen sanfter. Trotzdem kalt.

Aus einem Boulderer (mir) ist ein Kletterer (ich) geworden. Bewaffnet mit Bohrmaschine, Haken, GriGri, Seil. In Tuzgle sind die Blöcke wunderschön, aber die Linien schießen die wenigen Vögel, die hier noch leben, vom Himmel ab.

Im Grunde bin ich wegen einer ganz speziellen Linie da. Wie eine Frau, nur garantierter. Ein Bügeleisen, aber das klingt despektierlich (für beide). Sagen wir also: Die Linie mit dem perfekten Schwung. Eine Kante wie aus einem Zeichenbuch.

Ich weiß nicht, ob es dort Griffe gibt. Und komme doch von oben direkt angebohrt. Es ist die Art Risiko, die man sich gönnen kann in dieser Form.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass, als ich am zweiten Tag und bei immer noch eisigem Wind auch die Züge ausprobieren kann, gleich alles geht. Allein auf der linken Pobacke werde ich das hier nicht absitzen können. Dafür sind die Griffe viel zu klein, die Züge zu weit und die Füße viel zu angewachsen an der Kante. Woanders als an ebenjener gibt es in den beiden Wänden eigentlich keinen Halt. 15 Bewegungen mit den Händen bis es in die leichtere Traverse nach links oben weg geht. Fühlt sich von den Schwierigkeiten ähnlich wie die beiden 9a der Reise an. Ungefähr 8b und dann ein Boulder im unteren achten Grad. Nur dass die Bedingungen bis jetzt viel, viel bitterer sind. Sturm und in der Sonne hundekalt.

Und höher. 4300m.

Die Traverse nach der Crux, die eigentlich befreien sollte, wird doch jedem, der nicht seit Monaten in der Höhe weilt, die Halswirbel brechen.

Aber der Wetterbericht verspricht Besserung. Die auch tatsächlich kommt. Zwar bleibt ein gewisser Wind, aber in Tuzgle ist ohne diesen kaum eine Rechnung aufzumachen. Und da das Projekt auf der Ostseite liegt, wäre zu warm und sonnig auch nicht gut, bleibt doch nach Sonnenuntergang nur Zeit für einen Versuch und ist es in der Früh, nach normalerweise zwischen minus fünfzehn und minus zwanzig Grad nachts, der Fels noch viel zu kalt.

Das Thermometer steigt um knapp zehn Grad, wir finden einen Block, um im Windschatten über dem Feuer zu kochen und plötzlich sieht diese ganze Sache, die anfangs einem Himmelfahrtkommando glich, ganz süß und halbwegs schnuckelig aus. Ich komme gut voran in der Route, aber dann müssen Jeanne und Juan zu einem Praktikum bzw. einem Filmfest weg und ich stehe mit den Kindern, einem Fixseil und einem Jumar alleine da.

Und ich weiß nicht einmal, dass das erst einmal so bleiben wird.

Einmal abgesehen von letzteren (den Kindern) erinnert mich vor allem der Geruch der verkohlten Kaffeekanne stark an die Tage im Anarcho-Camp in Siurana. Ohne Gas, mit Feuer abends, kalten Nächten im Januar und dem Blick ins Tal über dem Rio Siurana. Eine Art paradiesischer Nische im Gedächtnis. Mit stets einem Projekt vor Augen und jedem zweiten Tag Klettern.

In Tuzgle gibt es außerdem: Eine heiße Quelle in nicht sehr schnuckeligem Ambiente, aber sehr warm; Die berühmteste Straße Argentiniens, die Ruta 40, auf der aber so gut wie kein Gefährt unterwegs ist; Die Polizei, die immer mal wieder kommt, um zu helfen (nicht so pseudomäßig wie in Europa, sondern in echt); Einen Vulkan mit 5500m Höhe; Einen kleinen Bach, dessen Wasser man zwar nicht trinken kann, aber besser als ein Ort ganz ohne Wasser; Und ein kleines Kaff namens Puesto Sey nur unweit außerhalb des Canyons, in dem man eigentlich alles bekommt, was man so braucht zum Leben, sogar Internet, nur alles in sehr klein und sehr langsam.

Adler über den Klippen (betrachtet mich beim Klippen).

Nach drei äußert intensiven Tagen in meiner Route, die wohl Comfort nos mata (Comfort is killing us) heißen wird, scheint ein Durchstieg in den mir verbleibenden zwei Klettertagen nicht unmöglich, aber hart. Und hart erkämpft. Gegen den Wind, gegen die Cuts, die sich bei Trockenheit und kleinen Griffen viel zu leicht einstellen, gegen die Höhe von 4300m und gegen die Zeit, die sich unweigerlich gen Heimfahrt dehnt. Aber es wäre wohl auch die erste Route im neunten Grad über dieser magischen Grenze, an der ich in El Eden auf 3900m schon so nah dran gewesen bin und außerdem eine der schönsten ihrer Zunft. Einfach der Linie wegen. Und dem Ort. Des Windes und der Weite wegen. Der Einsamkeit. Der Ödnis. Und der Unmöglichkeit des Bleibens.

Aber genug der Hymnen auf die Schlucht unterhalb des Volcan Tuzgle.

Jetzt heißt es ackern. Ein Ruhetag verstreicht fast ohne Wind, lichten Schleierwolken und doch so wonnehaft, wenn man unsere Referenz im Rücken hat, dass ich die Ausgesetztheit hier mit den Kindern ganz allein zu sein, fast vergesse. Tags zuvor noch hatten wir auf dem Rückweg von Puesto Sey einen Platten, den ich allein im Staub mit einem zu kleinen Wagenheber, dem auch noch beinahe alles Öl auslief und im quasi Sturm, Staub und allein mit der Weite wechseln musste. Mit dem zweiten Ersatzrad ohne Druck im Reifen. Da hatte ich mich ziemlich beschissen einsam gefühlt. Verwundbar. Jetzt mit dem Matebecher in der Sonne und den Kindern glücklich am Wasser spielend verfliegt das Lindenblatt von meiner Schulter.

Auch wenn ich weiß, was tags darauf geboten sein wird: Konzentration. Nicht nur – wie sonst – auf Hände und Trittpositionen, sondern vor allem auf die Seil- und Sicherungstechnik. Das Projekt befindet sich quasi in der zweiten Seillänge zwischen Meter 20 und 35 der Wand und sollte irgendwas nicht passen, sitzen die Kinder mit ihrem Vater in welchem Zustand der relativen oder völligen Ohnmacht auch immer 150 Höhenmeter über der Straße unter der Wand und machen was? Schreien in den Wind? Jules ist fünf, aber würde er instinktiv das Richtige tun? Aliénor ist zwar deutlich besser im Ruhe bewahren als ihr Bruder, aber mit zwei nicht einmal fähig allein ins Tal zu laufen.

„Ich mache keine Fehler“, sage ich mir, weil ich in aller Regel (die sich aus vielen Jahren Klettern ableitet) keine Fehler mache. Seiltechnik ist bei gegebener Konzentration ja auch kein Wunderwerk.

Und tatsächlich gelingt es mir in allem für einen letzten, perfekten Augenblick dieser wohl zunächst einmal letzten, großen (Jules kommt bald in die Schule), perfekten Reise keine Fehler zu machen. Der Wind gönnt mir ein Fenster kurz vor Sonnenuntergang, wenn der Grip – zumindest so weit ich ihn hier kenne – am besten ist und ich springe hindurch. Mit meinem ganzen Potenzial und Kenntnissen über das Klettern in der Höhe.

Mit Hyperventilation vor dem Einstieg, vor und nach dem simulierten Vorklippen der ersten drei Exen. Mit schnellen Bewegungen im unteren Teil der Route, wo sie noch nicht so schwer ist und dann dem Zug zur Kante hin in der Vorcrux. Im Grunde gleicht das Ganze im überhängenden, unteren Teil einem Crescendo der Schwierigkeiten. Unten spielt sich noch alles um das eine gute Loch in der glatten linken Wand, dann werden die Griffe kleine, filigrane Zangen zwischen Dullen und Einfingerlöchern, der Körper wandert um die Kante, auf die Kante, nach rechts, (das Jumar stört in dieser Passage etwas, läuft in der Regel aber sauber mit).

Die Eröffnung der Schwierigkeiten.

Einen kurzen Moment noch heftig atmen, den Klipp des vierten Hakens simulieren, dann nehme ich mir meine eigene Angst zur Brust und die Füße fast hinter die Ohren. Hoch, weit, weit hoch muss der rechte Fuß vor der Crux. Mit rechts hält man da schon die kleine Bank für zwei oder drei Finger, an der alles hängt in dieser Route. Links den Scarpa Furia, um in der ohnehin trittlosen linken Wand ein bisschen zu unterstützen, rechts den neuen Instinct VS, um Höhe und Härte zu haben auf den schlechten Tritten an der Kante.

Der weite Strecker in das Einfingerloch mit Links. 5mm tief. Und weil ich glücklicherweise schon weiß, dass ich vermutlich nicht direkt hinein komme, wende ich einen dieser für diese Route so besonderen Tricks an. Mit dem Daumen der linken Hand fange ich zunächst nur die Kante ab und schiebe mich sodann mit dem Mittelfinger in das kleine Loch. Sortiere den Ringfinger dazu. Spannung halten. Sauerstoff halten. Atmen!

4300m über dem Meer.

Wieder rechts mit dem Fuß hoch, wieder super anstrengend weil man mit links so in der Luft hängt, aber noch reicht die Kraft. Linkerhand – erstmals wieder in der Wand – wartet das Zweifingerloch auf mich, von dem ein Entrinnen möglich ist. Aber erst noch mit Rechts an die scharfe Leiste hinter die Kante, die sich in meine geschundenen Fingerkuppen gräbt, aber das ist jetzt egal. Denn das hier muss jetzt einfach der letzte Versuch werden! Bitte erlöse mich von meiner Sucht nach schweren Routen in der fast schon Todeszone!

Ich schnappe aus. Fahre die Hand entgegen meinem fallenden Körper zum Zweifingerloch. Lasse sie höher schießen. Und halte es. Rette mich zwei Züge höher bis an den ersten besseren Griff noch immer ohne Tritte. Und kann erst einmal nicht weiter. Das Jumar steht an der fünften Exe an. Ich habe es total vergessen.

Out of the crux. Into the light.

Schnell wurstele ich das Seil aus dem Karabiner. Und renne weiter. Mein Kopf ist blau, mein Gehirn gehemmt. Unmöglich eine solche Route ohne Ruhepunkt zu klettern, wer nicht Monate hier oben weilt. Immer wieder werfe ich die ganze Wade zum Hook über die Kante, ziehe den Körper halb darauf, um irgendwie zu rasten. Aber der Grip eilt mir Hand in Hand mit der Nacht entgegen und die Sloper reiben gut. Und hoffnungsfroh.

Die Welle Dopamin dieser letzten, zweifelsfrei vollkommen irren Leistung schwemmt mich zur Kette hoch. Ich schlage an, denn Klippen kann ich nicht und sacke in mein Jumar. Die Welt dreht sich noch etwas weiter im Schwung, der mich getragen hat, aber ich ruhe, hänge schlaff und satt im Seil. Und schnaufe. Lange. Frei.

Es ist vorbei. Der Wind hebt wieder an. Er bringt die Kälte aus dem schon lange schattigen Tal herauf und erinnert mich daran, wo ich hier trotz aller Euphorie in meiner kleinen Wirklichkeit am Ende dieser Route doch bin: Nah an der Grenze des von Menschen bewohnbaren. 5100m hoch liegt La Rinconada in Peru. Aber Peru ist gefühlt einhundert Grad wärmer als die argentinische Puna, grüner und viel windstiller. Für Argentinien spuckt Google als höchstgelegene Behausung am häufigsten einen Ort aus, der tiefer als Puesto Sey liegt. So ist das Internet. Nur geringfügig schlauer als seine Nutzer.

Wir auf jeden Fall haben unseren Job getan. Klar könnte ich jetzt noch versuchen auf Jeannes ausgemachte Rückkehr in zwei Tagen warten (welche in Wirklichkeit erst in sechs Tagen eintreffen wird), wieder hinaus die 80km Piste nach Susques fahren, die totale Reifenpanne riskierend, auf guten Wind hoffen (also möglichst gar keiner) und dann am 26. noch den Durchstieg mit Sicherer von unten versuchen nachzuschieben. Aber kann ich das den Kindern, meiner Haut, der Reiseplanung mit Abflug am 31. und Einschiffen des Busses vorher antun?

Muss ich das?

Werden sie mich wieder shitstormen, wenn ich eine Route am Fixseil begehe, weil mir die Sicherer davonlaufen, weil diese unbedingt noch ein Praktikum für zwei Tage 600km und über 24h Reise weiter nördlich in einem anderen Land machen müssen, bevor – vielleicht schon in der Woche darauf – die gut und gerne fünfzig Jahre Karriere als Arzt weitergehen?

Vermutlich.

Aber so ist das Leben: Sturm und Scheiße sind in den Herzen jener die scheißestürmen.

Hier ist nur Sturm. Und von dem hab ich im Grunde genug. Auch wenn er mein Freund war auf dieser Reise. Er hat mich hart gemacht und leicht. Ich wiege keine 65kg mehr. Und habe die erfolgreichsten Wochen meines Kletterlebens hinter mir. Trotzdem und obwohl ich mit dem Routennamen (Comfort is killing us) ihm ein weiteres Mal huldigen werde, habe auch ich Lust dem Altiplano den Rücken zu kehren. Für dieses Mal.

Ich baue also ab. Ein letztes Mal dem Seil, das über mir über einige –wenn auch vulkanisch eher runde –Kanten und außerhalb meiner Blickes zum Wandkopf läuft, vertrauen, den Knoten in der Kette lösen und wild schaukelnd die Exen weit rechts wieder einsammeln, dann stehe ich unten am Wandfuß, gebe den Kindern Küsse und bedanke mich für ihr trotz der Witterung und meiner relativen Abwesenheit braves Verhalten.

Eine letzte Runde auf dieses gigantisch schöne Plateau oberhalb der Felsen, um das Seil zu befreien und mit 40kg inklusive Tochter hinab zur Straße, dann verlassen wir diesen magischen Ort mit seinem so unwirtlichen wie verzauberndem Ambiente. Ich sitze vollkommen high vor Erschöpfung hinter dem Steuer, fahre mit dreißig Sachen (da ohne veritablen Ersatzreifen) über die rüttelnde Straße und höre das Album der Reise: Carrie Lowell von Sufjan Stevens.

Es ist der Auftakt zu einer wilden Rückkehr nach Uruguay, aber davon weiß ich noch nichts. Und jetzt ist nur die Nacht und die Musik, die Müdigkeit und das Hier der Puna.

Ich fühle mich vollkommen.

Mit einer letzten quasi vollkommenen Linie im Gepäck. Ein letztes Mal rund zehn Versuche über vier Tage, ein letztes Mal die volle Ladung Technik, kleinste Griffe, weite Züge über tiefen Tritten. Einmal mehr – wohl bedingt vor allem durch die nur wenig überhängenden Wände des vulkanischen Gesteins – ein Zwergentod. Und diesmal noch eine gutes Stück weiter oben. 4300m. Und Sauerstoff nimmt mit der Höhe exponentiell ab.

Alles andere als 9a wäre eine schlechte Orientierung für Besucher, zumal es in Argentinien überhaupt keine Kletterer gibt, die wie in Bolivien oder mancherorts auch in Chile, in der Höhe leben.

Vor allem aber hoffe ich, dass die Schönheit dieser Linie Wiederholer locken wird. Und ihre Vollkommenheit.

Auf wiedersehen, schönste Linie meines Lebens!

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