Der kürzeste Cruxzug, an den ich mich erinnern kann, steht an: Le vent nous portera, 9a+, Socaire, Chile.

Bislang habe ich sie alle vertröstet mit dem Grad der schwersten Route Boliviens in El Eden nahe Potosi „(En este luz te ves como) Poseidon“. Jetzt stehe ich in der Quebrada de Nacienmento oberhalb von Socaire auf 3600m und schaue die Wand nach oben. In einer gespannten, erotischen Erregung angesichts der Kurven, die ich sehe. Und der Bewegungen, die vor meinem inneren Auge fangen spielen. Die schönste Linie jedenfalls, die ich bohren durfte. Farben, die zwischen Rot und Gelb, Orange und Violett kaum klare Grenzen kennen und dazu diese Lage, als einzige Route dieses Pfeilers. Wäre sie nicht so schwer, sie wäre perfekt.

Rückschau auf den Mai dieses Jahres. Mit Elias‘ Hilfe und seinen Haken bohre ich mich aufs Geratewohl von oben in die Wand herein und merke bald: Ich habe einen Schatz gehoben, der schon seit Jahren offensichtlich vor den Augen aller Kletterer hier liegt, denn kein Wandabschnitt sticht so in Herz und Augen. Was ich suche, scheine ich schon nach nur einem umgesetzten Haken, gefunden zu haben. Schwerer als Ruta de Cobre (9a), aber vielleicht im Rahmen des Möglichen auf einer Kletterreise.

Über etwa zwei Wochen schicke ich knapp zehn Versuche als Zweitprojekt in die Route, und kann am Tag nach dem Durchstieg von Ruta de Cobre sogar ums A****lecken den Abschlussboulder klettern. Allerdings: In bestechender Form, höhenangepasst, wie es wohl sonst noch kaum einem reisenden Kletterer hier oben passiert ist, bereits ein gutes Stück (~2kg) leichter als in Bestgewicht zuhause und bei sehr guten, da etwas feuchten, Bedingungen.

Zwei Wochen später stehe ich wieder unter der Tour, meine frierenden Füße auf einem knappen Meter Schnee. Nicht nur ist wegen der äußeren Bedingungen kaum an einen längeren Aufenthalt in der Schlucht zu denken, auch bewege ich mich trotz zwei Wochen Bouldern und Erholen auf Meereshöhe kaum noch in der Route. An die obere 8B-Passage ist im Leben nicht zu denken, die Platte unten (~8b+) geht noch gerade so. Unsere Höhenanpassung ist noch längst nicht verstrichen (sechs Wochen hält der Effekt mindestens vor) und ich bin vielleicht ein Kilo schwerer als in Ruta de Cobre, und doch bin ich chancenlos und zwar nicht ultimativ, aber doch entscheidend schlechter unterwegs als zwei Wochen zuvor.

Blick auf den Salar aus einem weiteren riesigen Blockfeld oberhalb von San Pedro auf dem Weg zum Tatio.

Ich schreibe die Route in Gedanken ab, und nur um mich nicht zu sehr vor mir selbst zu schämen, sage ich mir: „Drei Kilo weniger, von oben kommend, keine Verletzungsprobleme und ich denke vielleicht noch einmal daran, mich an dir zu versuchen!“ Dann reisen wir erleichtert nach Iquique und in der Folge nach Bolivien.

Jetzt klettere ich die Platte, die Temperaturen sind perfekt, hier im ewigen Schatten der Südseite, in dem jedes Grad zu wenig (mehr als fünf hat es im Schatten ohnehin selten) und jeder Windhauch zu viel die perfekten Bedingungen ins zu kalte Gegenteil kippen lassen können. Alles läuft trotz der sechs Wochen Abwesenheit wie geschmiert, nur dass der Grip entgegen der Redewendung höllisch ist. Aber dieser Teil hat noch nicht zu viel zu sagen. Plattenkletterei wie diese läuft auch ohne Form noch einigermaßen, braucht man doch auf, was man in vielen Jahren Klettern angehäufelt hat: Technik, Konzentration, Fingerkraft. Aber es fühlt sich schon an dieser Stelle der Route viel zu gut für „nicht so gut“ an.

Und dann hänge ich unter dem entscheidenden Stück Fels. Dem Abschlussboulder. Ein Abschussboulder. Diese weiten, haargenauen Züge in so schmale Löcher, dass ich mit meinen für mein Level äußerst schlanken Fingern gerade noch so einfahre. Der Sprung am Ende, die tiefen Tritte. Alles wie für mich gemacht. Nur allgemeiner und seit vielen tausend Jahren da.

Und plötzlich einfach. Erster Versuch und schon sehe ich mich alle Züge des Boulders aneinanderhängen. Schwer, natürlich, aber nicht am Limit. Im zweiten Versuch des Tages geht er gleich noch einmal. Und die Platte unten auch.

Das Ende der unteren Crux in der Platte.

Ich jubele, innerlich. Seit wohl 15 Jahren habe ich keinen solchen Kraft- und Formschub in eineinhalb Monaten mehr erlebt. In der Regel eher zwischen Jahren. Die Route, die ich eigentlich schon abgeschrieben hatte, scheint angesichts der gut zwei Wochen, die ich vor der Abreise dafür verwenden kann, absolut möglich.

Vier Kilo weniger als zu Beginn der Reise, seit insgesamt 12 Wochen auf dem Altiplano, viel geklettert, viel gepunktet. Und schon steht sie da, bis hier mangels Referenzen ganz unbemerkt: Die Form des Lebens.

Wie wunderbar. Leben kann so einfach sein, so schön. Wie Klettern eben. Wenn man dem scheinbar Lebensfeindlichen lachend in die Augen sieht. Und bleibt.

Am zweiten Tag falle ich bereits vom letzten kleinen Griff. Ein Zug mehr und ich dürfte mich schon jubeln hören. Für die erste 9a+ Lateinamerikas und die optisch vielleicht schönste High-End-Route dieser Welt.

Aber Wetten auf Projekte in Socaire abzugeben, ohne mit dem Wind zu planen, wäre stümperhaft. Ist stümperhaft. Und fast als wollte er eine Spange um unsere Reise, die so stürmisch und kalt begann, legen, zieht er jetzt, da ich zwei Tage für den Durchstieg ruhe, wieder an. Mit bis zu 140km/h. An richtige Versuche ist kaum zu denken, aber ich erstbegehe eine pittoreske 8b und klettere dann zum Formcheck bei suboptimalen Bedingungen und einigen Unstimmigkeiten zwischen mir und der Methode „Ruta de Cobre“ fast noch einmal. Überzeuge mich aber gleichzeitig vom Härtegrad des Grades, über den sich, so habe ich inzwischen erfahren, der ein oder andere Spitzenkletterer das Maul zerrissen haben. Leute wie Felipe Carmargo, die selbst ihre schwere Routen frei nach Dani A. wiederholen und die dementsprechend in Touren wie diesen hier eigentlich nur versagen können. Vor allem da besagter Brasilianer wohl nur knapp 1,70m misst. Unzureichend für beide 9a-Linien hier. Aber das wird er wohl nie erfahren, gibt es doch hier kein Hotel und muss man in den Canyon auf knapp 4000m Höhe laufen, kann nicht hinunterfahren.

Klein, kleiner, Einfingerlochstecker für das halbe erste Fingerglied. Die Einleitung der unteren Crux.

Dann kommt der Tag, der kommen muss, wenn der Wind erstirbt und wieder normale Bedingungen herrschen in der Schlucht. Zweimal zwei Tage Ruhen mit nur einem Klettertag dazwischen, zudem in einem anderem Projekt, und in der Theorie müsste alles stimmen. Müsste und muss doch nicht. Ich fühle mich stark, mental, und weiß doch um die wenigen Chancen, die ich noch habe, bevor wir Richtung Montevideo werden reisen müssen. Wenn es heute unter besten Vorzeichen nicht für den Durchstieg reicht, müsste ich im Grunde von Neuem zwei Ruhetage machen, um zumindest Chancengleichheit unter den Klettertagen herzustellen. Was aber eben dauern würde. Und kommt dann vielleicht der Wind zurück?

Besser ich mach es gleich. Oder im zweiten Versuch des Tages. Auf den baue ich im Grunde, ist die Route doch im Kern sehr kraftausdauerlastig mit der Crux nach einer 8b+, Zug Nummer 50 und einem mittelschlechten Ruhepunkt davor. Und zwar fühlt sich die erste schwere Platte nach einmal richtig pumpen im ersten Versuch immer etwas schlechter an, aber oben hinaus riecht die Kraft stets ein bisschen weiter, hatten die Arme am gleichen Tag schon einmal eine Ladung Laktat wegzuschaffen.

Soviel zur Theorie. In der Praxis falle ich zum Aufwärmen im Onsight gleich einmal aus einer 7b, habe mich aber eher in der Methode als in der Vorbereitung vertan. Der Wind haucht uns um die Ohren, gerade nicht zu viel, die Nacht war nicht so kalt wie jene zuvor. Der Fels ist folglich nicht vollkommen unterkühlt.

Zeit fürs Projekt. Es ist ein bisschen nach Mittag und ich pirsche mich im ersten Versuch des Tages über den Einstiegsblock, die Fingerspitzen bleiben leidlich warm. Vermutlich werde ich ohne taube Nerven bis nach oben klettern können. Was angesichts der nötigen Präzision sehr vonnöten sein wird. Vom folgenden No-Hand-Rest schweift mein Blick über die Schlucht, die Gegenseite mit der wunderschönen noch unerschlossenen Verschneidung und hinab auf den Salar 1000m tiefer. Irgendwann fühle ich mich bereit, es hilft ja auch nicht viel, sich aus Angst, vor dem was kommt, nach einer 7a eine halbe Stunde stehend auszuruhen.

Der Parabolspiegel von der Seite.

Also die erste Crux. Der weite Zug, die feine Leiste und als schwerste Einzeltat – wie weiter oben auch – eine Fußbewegung. Halb blind in das offene Loch nachgezogen, dann bin ich durch. Es folgt der weiche Teil des Bauches, durch den ich innen höher steige. Zwei Ruhepunkte, von denen man im Grunde nur den oberen benötigt. Dann wird es ernster.

Ich kann mich an kaum eine so schwere kaum vertikale Stelle aus den letzten Jahren erinnern. Die Tritte sind teilweise kaum eine Fußnote wert, das Einfingerloch zur Rechten zur Beginn der Passage ist keinen Zentimeter tief, wird gestellt und klappt gerne beim Umstellen des Fußes um. Merkwürdig fühlt sich das an. Old school. Aber geil. Wer klettert heute schon noch in schweren Routen Platten?

Ich strecke mich. Zweimal noch spiele ich meine ganze Körpergröße und einen nicht unerheblichen Teil meiner Fingerkraft aus – mich fragend, wie man das mit Gardemaß eines südamerikanischen Kletterers von 1,70m hinbekommen soll – dann rette ich mich über den letzten Wackelzug in das Niemandsland besserer Griffe. Zwischen Crux und Crux gibt es auch fürs zweite Fingerglied mal Felskontakt.

Schütteln. Atmen. Das letzte Drittel der Lunge hinauspressen. Sauerstoffsättigung hochtreiben. Zugleich Konzentration schonen. Ich denke nach: „Ich kann es“. Aber ich kann mir nicht sicher sein. Es fühlt sich viel zu ähnlich an wie der Versuch vor fünf Tagen, an dem ich vom letzten kleinen Griff gefallen bin.

Nach dem Ruhepunkt folgt noch einer, ein bisschen höher, schlechter und doch will ich natürlich chalken. Als könnte Magnesium helfen, die Zeit in ihrem unweigerlichen Drang fortzuschreiten ein wenig einzudämmen. Aber der Rastpunkt ist ein tückischer. Man erholt sich nicht. Ermüdet nicht. Zumindest wenn man nicht zu lange bleibt.

Ich fühle mich weich. Das ist normal, sage ich mir, nach einer 8b+ auf fast 4000m und schaue die letzten Meter über mich hinauf zur Kette. Die feinen Schlitze, Andeutungen von Löchern. „Ich kann es.“ Was soll ich mir auch anderes sagen. Ich will mich ja nicht selbst behindern auf dem Weg nach oben. „Ich schaffe es!“

Und die Crux vor 6000er.

Der Hook links oben, noch einmal kurz geschüttelt, nicht gerührt. Den Schuh beißen lassen (mit dem Innenrist oben verkanten), dann beginnt die Zeit des Nicht-mehr-Denkens. Dreifingerloch weit oben mit links, Dreifingerschlitz mit rechts zwischengreifen, dann die Füße runter, rüber. Kleinste Tritte, die heute halten, in den Riss hinauf stehen und weit, weit, weit mit rechts in den nächsten Schlitz.

Dann: noch weiter. Nicht sehr viel und doch die eine Welt, die mich von mir selbst und von den meisten anderen trennt. Der schwerste Einzelzug der Route. 15cm lang. Verlängern. Halten. Erst mit einem Finger. Dann den Ringfinger dazu. Noch ist nichts gewonnen. Nichts zu Gold geronnen. Nur wer stellt, wahrt eine wahre Chance auf den Rest (zwei Züge mehr).

Ich stelle.

Heute stelle ich. Vor fünf Tagen hing ich schlaff und hängend im Zweifingerloch. Heute hält die Power länger. Steht sie Spannung noch, wenn alle andren schlingern. Ich fasse nach. Fasse noch nicht, was kommen kann, fehlt doch vom Einfingerloch, das ich jetzt mit links zwischengreife, nur noch ein weiter schwerer Zug. Und ahne es doch.

Ich lecke Blut.

Und beiße nach dem Braten. Füße nachsortieren und dann einmal, ein letztes Mal (sieht man mal vom Filmen ab) den ganzen Schwung, der mir noch bleibt mit Zweiunddreißig Jahren, zusammennehmen, suchen, und huiiii. Hinauf.

Ein großes Loch. Platz für zwei Hände. Und meine Hand darin. Fest, nicht rutschend. Ich baumele an meiner Seele.

Das ist das Ende. Das kuriose Happy End einer kuriosen Reise. Ein Formsprung – legendär. Ein Heimspiel – wo einmal Feindesland war. Sechs Wochen als hätte ich Jahre trainiert. Von chancenlos zu grundsolide. Ich schreie und links liegt der Salar, als wäre nichts gewesen. Als wäre nichts. Gerade jetzt, da ich die Kette klippe.

Ich schreie noch.

Der Wind hat mich verschont in diesem Augenblick und hat mich doch getragen. Mit seiner Energie, die mir zu viel zum Klettern, mich fünf Tage lang zum Pause machen zwang und mir so meine Energie verschonte. Bis sie im Überschwung und Überangebot mir für diese letzten harten Züge plötzlich reichte.

Le vent nous portera.

Es war und wird so bleiben. Wir fliegen und wir werden fliegen. Viele tausend Kilometer oder 15cm. Argentinien, Chile, Bolivien, Chile, Argentinien. Oder ein Zug. Es bleibt sich gleich. Der Wind hat uns getragen.

Das Altiplano ist in mir. Hat mich nicht ausgespuckt. Ich habe ihm geharrt und es hat mich als Kumpel in dieser Riesenmiene angenommen. Es hat mich leicht gemacht, mich hart auf hart gerieben. Hat mich gedopt. Epo endogen. Und jetzt: Die Form des Lebens.

9a+ in weniger als 20 Versuchen.

Wieder für mich allein: Die schwerste Route Südamerikas. Vier von fünf 9a. Ich muss nicht glauben, was ich plötzlich selber kann. Ich sehe es ja unter mir.

Die 30m von Le vent nous portera. Ohne im Seil zu hängen.

Rasten für das letzte Fingerglied. Vor der Crux.

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