Puerto Natales geht in die Verlängerung. (Versuch einer grünen Reise, Kapitel 11, 12.02.16 – 28.02.16)

„Normalerweise werde ich krank, wenn ich in einem Projekt eine längere Pause benötige.“, sage ich über den zerrissenen Keilriemen gebeugt lachend zu Jeanne. „Aber diesmal verschafft mir wohl eher das Auto die nötigen Ruhetage.“ Es ist Samstag Nachmittag der 20.02., seit knapp vier Wochen sind wir jetzt mit mehreren Zwischenausflügen in den Torres del Peine und nach Feuerland in Puerto Natales, Chile, Patagonien, und nur scheinbar wundersam löst sich die Panne mittels eines anderen Sprinterreisenden, der nur eine Stunde später neben uns hält, um uns einen nagelneuen Keilriemen in die Hand zu drücken. Sein Fahrzeug allerdings verfügt über eine Klimaanlage, folglich eine Spule mehr und also eine andere Riemenlänge. Und die unsrige gibt es in Südamerika nicht zu kaufen.

Also doch nicht so einfach. Inzwischen ist es ohnehin Samstag Abend und wir verschieben die Angelegenheit auf Montag.

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2. Besuch im Torres del Paine. Der Lago Sarmiento.

Am nächsten Tag werde ich krank. Irgendeine höhere Kraft scheint sicher gehen zu wollen, dass ich diesmal auch wirklich ausreichend Ruhetage einhalte. Auch wenn wir eigentlich dank der zuvorkommenden Mitarbeitern des Tourismusbüros und des angrenzenden Cafés alles haben, was das Herz begehrt, Internet, Toiletten, einen Raum, in dem die Kinder toben können, einen Stellplatz mit Spielplatz und Sicht aufs Meer, erreichen wir trotzdem den bisherigen Tiefpunkt einer an Tiefpunkten sehr armen Reise (vor allem im Vergleich zu Indien). Und so schön es hier auch sein mag, nach einem knappen Monat würden wir den immer penetranteren Wind doch langsam gerne gegen etwas mehr Sommer eintauschen. Eine andere Kulisse. Und neue Boulder. Schwerer werde ich auf dieser Reise auf jeden Fall nicht mehr klettern. Das muss ich nicht nur mir selbst versprechen.

Montags finden wir einen nur unwesentlich zu langen Keilriemen, der sogar bereits am Abend des nächsten Tages eintreffen soll. Meine Grippe taut, wenn auch nur zögerlich, nach drei Tagen merklich ab und Jeanne hat sich jetzt schon bei acht Krankenhäusern beworben. Aber das Oberland ist eben nicht MekPomm, wo man gleich die Wohnung und die Krippe mit dazu bekommt, da sind nicht etliche Stellen ständig offen.

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Wasser haut’s den Berg hinab. In meinem Rücken warten 100 Touristen und jemand schreit, ich dürfe da nicht so nah hin, da seinen Schilder, außerdem habe ich ein Baby auf dem Rücken. Allein, ich höre nichts. Das Wasser rauscht einfach so penetrant…

Mittwoch zeigt sich dann ein Loch im ewigen Windfenster, ein Faktor (Windarmut), der hier eher für besseren Grip sorgt, keine Ahnung warum, aber Zeit einen der wohl zwei schwersten Boulder des Kontinents durchzusteigen. In El Chalten warten schließlich auch noch ein paar nette Linien.

Dienstag kommt er Keilriemen dann doch noch nicht, wäre ja auch zu einfach gewesen und ich fühle mich auch noch nicht in der Verfassung zum zehnten Mal The cold and smelly breath of death zu versuchen. Mittwoch dann kühl, aber weniger windig, vormittags noch immer kein Keilriemen, wir nehmen also das erste Taxi unserer Reise zu den Blöcken von Dorotea. Weit ist es nicht. Gute fünf Kilometer. Vier Ruhetage, die meisten davon liegend verbracht, nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für Explosivität, dazu grenzwertig kalt und gegen frühen Nachmittag zunehmend windig. Am achten Tag war ich nach perfekter Vorbereitung schon einmal sehr nah dran, an Tag neun dann wieder ein Stück weiter weg. Nur ein Ruhetag reicht mir auf diesem Level hier nicht.

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Alles tot und alles abgebrannt. Ein Tourist soll es gewesen sein. Und trotzdem wächst es schon wieder, das Leben zwischendrin. Einfach nicht totzukriegen dieses Leben. Fragt sich nur: Wohin damit, wenn es auf dieser Welt zu heiß geworden ist? Oder woher? Und vor allem: Weswegen?

Jetzt, zum ersten Versuch an Tag zehn, stelle ich die Kamera noch nicht einmal auf, verzichte darauf den zweiten Teil des Boulders, den surrealen Kreuzer, zum Aufwärmen einmal für sich zu machen. Irgendwie will ich einfach von unten auf blöd hinein starten. Ich schätze diese Art leicht unsinniger Versuche je länger ich klettere, je mehr. Ich glaube dieses leichte Self Handicapping, wie man es in der Psychologie nennt, nimmt unnötigen Druck von den ohnehin schon angespannten Schultern. Schließlich weiß ich selbst, dass wir alle gerne weiter reisen würden und nur auf diesen Durchstieg warten (und auch den Keilriemen).

Der Grip ist trotz Wind und tiefer Temperaturen sehr gut, der Effekt könnte ähnlich dem im Magic Wood an den vom Fluss geschliffenen, sehr glatten Blöcken ausfallen, wo bei feuchtem Wetter die Reibung besser ist. Auch hier ist das sehr feine Sedimentgestein bei typisch guten Bedingungen eher zu glatt auf der dann harten Haut (ähnlich wie auch bei engporigem Kalk, z.B. à la Kochel). Die ersten Züge, in ihrem Anspruch an die Präzision des Kletterers so hoch, dass ich sie kaum zweimal hintereinander in der exakt gleichen Weise hinbekomme, laufen gut. Ich spüre die für extrem formstarke Tage typische Überlegenheit der Kraft über kleinere Ungenauigkeiten. Auch wenn die ein oder andere Nuance im Ablauf nicht perfekt passt, stabilisiere ich doch ohne Probleme sofort und schon bin ich am Ei, dem genialen Ruhepunkt in der Mitte des über 17 Züge anhaltenden Boulders (plus einige leichte im Schlussriss). Jeanne reicht mir den Chalkbag, hält dabei die Kinder von den Matten fern und versucht Jules davon abzubringen, gerade jetzt einen Papierflieger von mir einzufordern. Heldenhaft.

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Ich weiß, im Text außen herum geht es heftig und in hohen Graden zu und ich streue hier nur lauter Landschaftsaufnahmen aus dem Nationalpark ein. Aber so ist es eben oft: Einer quasselt ganz erregt und vor dem inneren Auge laufen Urlaubsbilder durch, wie die Fluchtwegmarkierung in einer ausweglosen Situation.

Meine Finder sind kalt, acht Grad zeigte das Thermometer vorhin im Taxi, unter mir flattern die Matten im Wind, verschieben sich leicht. Es ist mir egal, ich habe nicht vor zu fallen. Mit der rechten Hand das Ei auf Zange, links Hook legen, und dann mit links weit, weit über Kreuz in die madige Zweifingerdulle. Nicht nur hinein, richtig hinein. Im richtigen Winkel. Sonst ist danach alle Mühe umsonst. Jetzt spüre ich sie ob der niedrigen Temperaturen kaum, kann nicht einmal sagen, ob es so passt, aber ich knalle sie halt. Wie soll ich auch anders. Ich ziehe den rechten Arm beinahe vorsichtig unter dem Körper hinaus, die Wand hier ist leicht überhängend, aber die Position äußerst prekär. Zwischengriff für rechts ist eine Einfingerloch von der Tiefe eines Eincentstücks. Es dient lediglich der Stabilisierung und um dieses kleine bisschen Schwung aufzunehmen, dass man dann eben braucht, um auf die etwas bessere Leiste zu kommen. Diesmal bestehe ich, kralle die Leiste, blockiere noch immer über den Hook hinauf auf den besseren Sloper und damit ist die Katze im Sack. Eigentlich. Einmal ist mir im schon rettenden Riss ein Tritt abgebröselt und ich habe mir ordentlich die Nase aufgeschlagen. Aber diesmal hebt alles, ich klettere den Riss noch bis zum großen Stein, an dem es nicht weitergeht, ohne sich in alpiner Kaminkletterei alles aufzureißen, und dann darf ich jubeln. In den Sturm hinein. Patagonische Winde. Abgetrotzt habe ich ihnen diese perfekte Linie. Eine der schwersten bis hier. Nur wie schwer, das wird erst der Vergleich mit den 8Bs in El Chalten zeigen.

Wir werden also sehen.

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Endlich durchgemacht von ganz links unten nach rechts oben. Nur ein paar Meter,die man auch zu Fuß gehen könnte, und doch Platz genug für eine Obsession.

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