Und ein 1000km Ausflug an das Südende unserer Reise und beinahe auch an das der Welt. Eine zweite Woche in Puerto Natales. (Versuch einer grünen Reise, Kapitel 10, 05.02.16 – 11.02.16)

Langsam entdecken wir die Langsamkeit zurück. Ganz leicht ist es nicht, wenn nicht alle Reisemitglieder wie versessen in irgendwelche Blöcke hinein projektieren. Früher hatte ich nie Probleme wochenlang im gleichen Spot abzuhängen, zu klettern, am Limit, mich platt zu machen, Ruhetage genießen mit einem Buch oder einem Spaziergang, einkaufen, dergleichen, zusammen Wein trinken, Feuer machen, ein paar Fotos hier und da. Die perfekte Langsamkeit, die niemand wirklich je verstehen konnte, der eher klassisch reiste, besuchte, von Ort zu Ort, eine Nacht, vielleicht auch zwei, aber nicht mehr. Niemand, der nicht versank in einem Ort wie Siurana, Céüse. Sechs Wochen. Manchmal acht. Noch nach fast zwei Jahren Fribourg fühlte ich mich jedes Mal, wenn ich nach Siurana hoch fuhr, noch mehr nach hause kommen, obwohl ich dort insgesamt „nur“ ein gutes halbes Jahr meines Lebens verbracht habe.

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Gold und blau bestimmen im Sommer die Gegend um Puerto Natales.

Aber mit der Familie ist das nicht so leicht, Jeanne klettert gern, aber Projekte über mehrere Tage sind nicht so ihr Ding. Die Kinder würden natürlich bleiben. Sie kennen die Orte, in die sie zum spielen aufbrechen, gerne gut. Deshalb oder trotzdem verwerfen wir unseren Plan gleich, nach einer Woche hier in Puerto Natales wieder nach El Chalten zurück zu fahren, dort aufs Boulderfastival am 6.2. zu gehen, und nach ein oder zwei Wochen noch einmal hierher zurück zu kehren, um das Projekt zu beenden. Zu viel Gefahre, zu viel Hektik, wir wollen uns nicht wirklich gerne stressen, wenn wir schon einen so angenehmen Kontinent wie diesen bereisen. Also bleiben wir bis The cold and smelly breath of death entschiedet sich meinen Versuchen zu beugen.

Das allerdings könnte dauern. Grund ist das Sedimentgestein. An sich Sandstein, aber sehr feinkörnig, nicht brüchig, aber weich und in den ersten Tagen des Projektierens leider dazu auserwählt, ordentlich an Grip einzubüßen. Das hatte ich so nicht erwartet, aber es ist eben nicht überall Cousimbert auf dieser Welt und das Phänomen des Reibungsverlustes ja an sich in vielen Gesteinen wohlbekannt. Im zweiten Teil ist der Fels hart und dunkel, da komme ich gut voran, aber auf den ersten acht Zügen hin zum Ei werden große Teile des Trainingsfortschritts vom schwindenden Grip aufgefressen. Dazu kommt der penetrante Sommer, der nicht von uns lassen will. Ein Reisender, der im Dezember in Patagonien gewesen war, hatte uns erzählt, er wäre jedem Sonnenstrahl hinterhergerannt, und wir wechseln zwischen See und Blöcken. Kein Wind, Baden, Grillen, bis zum 7.2. schaukeln wir uns selbst bis auf 27° hoch.

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Unter der Lippe zeigt sich die Unterlippe vor lauter Pressen.

Wir sind jetzt 11 Tage hier, der Durchstieg ist noch nicht für sehr bald angesetzt und also wollen wir doch mal einen Ausflug machen. Königspinguine in der Nähe von Punto Arenas. Einzige veritable Stadt des chilenischen Patagonien und also seit Puerto Montt 1500km im Norden auch das erste Mal die Möglichkeit, etwas anderes als Essen und dergleichen einzukaufen. Und wie! Eine Zollfreizone mit riesigen Shopping-Zentren. Geil! Nicht dass wir bis hier extrem wenig Geld ausgegeben hätten, Patagonien ist mindestens so teuer wie Deutschland und bisweilen fast wie die Schweiz, aber zumindest Übernachtungen und Essen organisieren wir konsequent im Bus. Gibt ja auch überall wunderbare Stellplätze und die einheimischen Nachbarn, wenn es denn welche, wie in Puerto Natales, gibt, laden uns in der Regel am zweiten bis dritten Tag zum Grillen in den Garten ein. Vor allem Jules möchte jetzt in Punto Arenas gerne den ganzen Bus mit Spielzeug auffüllen. Leider scheint China direkt hinter Südamerika einen gigantischen Staudamm gebaut zu haben, um jetzt den ganzen Kontinent mit Schrott zu fluten. Leider mit Erfolg. Das beste Spielzeugauto, das man hier kaufen kann, steckt in der Cornflakes-Packung. Von Norden dazu die große Welle Coke (die Chilenen trinken mehr davon, als die Produzenten selbst) und fertig ist die Malaise der in der Mehrzahl kleinen, dicken Einheimischen.

In Sachen Shoppen verbleiben wir bei einem Motorrad und einem Set Baustellenfahrzeuge. Für uns gibt es einen Überzug für die Matratze, denn vor allen seit ich wieder am Anreißen bin, spüre ich die Effekte des sehr japanisch harten Futons. So wird es eine ganze Ecke weicher.

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Feuerland. Ohne Schutz der Berge macht uns der berühmte Wind zum ersten Mal wirklich das Leben schwer.

Die Fähre, die uns zu den Pinguinen hätte bringen sollen, ist mit 100€ einfache Strecke leider mal wieder weit teurer als erwartet, der Umweg „über Land“ (eine ganz kurze Fähre) nach Feuerland, wo die Stehvögel nisten, dafür ziemlich weit. Da jetzt für ein, zwei Tage hin zu fahren, wäre nicht besonders grün. Wir bärbeißen, wie der Schweizer sagen würde, an der Entscheidung herum und als wir uns fast verschlucken, lagern wir die Entscheidung an Jules aus. „Pinguin!“ ist die klare Antwort und also los nach Feuerland!

Feuer heißt das Land auf Grund der Beobachtung Magellans, dass die relativ leicht bekleideten Einheimischen sich mit Feuers statt mit Fellen wärmten. Eine echte Leistung in einem Land, dass ansonsten kaum an Feuer, dafür aber umso mehr an Wind erinnert. In Puerto Natales steht man im fönbringenden Schutz der vorgelagerten Berge, hier unter brechen die Winde, die das Kap Horn so gefährlich und das Land so karg, kalt und unbesiedelt machen und machten, ungebremst auf den Besucher nieder. (Deshalb auch der Ruhm Magellans, der hier die weit weniger gefährliche „Binnenpassage“ fand.) Nur die Königspinguine scheint es nicht zu stören. Sie stehen in der radikalen Brise mit ihren Fellbällchen-Jungen zwischen den Beinen und ja, sie sind königlich schön. Nur der Kaiserpinguin, der später in der Antarktis entdeckt wurde, ist größer. Zum Glück gibt es immer noch einen Gröfaz mehr im Gefüge menschlicher Hierarchien.

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Der Königspinguin beim Ratsgespräch.

Und wir haben jetzt ein ideologisches Problem. Ushuaia, die letzte Stadt des Kontinents, liegt noch 350km im Süden, ansonsten gibt es hier bei diesem Wetter höchstens noch die ein oder andere Estancia (Mega-Gutshof mit im Schnitt 100.000 Schafen) zu besichtigen, sonst ist in Feuerland nicht viel los. Weiter nach Süden, zu diesem Punkt, den alle mal besucht haben müssen, obwohl es nicht viel zu sehen gibt, wollen wir nicht. Raus aus dem Bus können wir mit den Kindern, die nach halben Stunde trotz etlicher Schichten Kleidung, vollkommen gewindchillt und kalt sind, nicht wirklich und also beschließen wir noch einen Stopp an der ersten Estancia der Region einzulegen und dann zurück zu fahren. Der Gutshof liegt aber erst kurz nach der Fährüberfahrt zurück aufs Festland (Feuerland ist eine Inselgruppe) und bis dahin kommen wir erst gar nicht wegen den heftigen Winden. Die Schiffe fahren nicht und wir können in der ewigen Schlange Faschingstouristen stehend beinahe nicht einmal kochen, weil man die Flügeltüren des Kofferraums, in dem sich das Gemüse befindet, nur unter der Gefahr öffnen kann, dass der Wind sie kurzerhand abreißt. Die Fahrertür zum Beispiel bekomme ich einige Male, wenn es wieder einmal ein Stück weiter geht, gegen den Winddruck nicht einmal mit aller Kraft wieder zu und muss auf ein Abschwellen selbigen warten.

Nach fünf Stunden setzen wir dann doch noch über und danken Gott, dass wir nicht einen Tag später nach Feuerland, anstatt zurück, gefahren sind. Etwa vier- bis fünfhundert Autos warten dort auf die Verschiffung, die in höchstens fünfzig Fahrzeuge in der Stunde schafft, und das auch nur, wenn der Wind nicht wieder auffrischt. Dort wird heute Nacht noch eine gute Runde wild gecampt werden.

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Schiffskadaver. 250 Jahre alt und immer noch ein Monster.

Auch in Puerto Natales ist das Wetter umgeschlagen und der sechste Tag im Projekt bringt endlich einen ersten Silberstreif am Horizont der Hoffnung mit sich. Obwohl wir uns noch um fünf Uhr fürstlich überfressen und einen Liter Bier dazu trinken, gelingt mir zum ersten Mal der zweite Teil (noch ohne hohen aber wohl leichten Ausstieg). Der abgedrehte Kreuzer klappt sogar gleich im ersten Anlauf. Beim Versuch in den rettenden Riss zu klettern, bricht mir allerdings unter voller Spannung ein Tritt weg und ich schlage einer Sprungfeder gleich mit dem Gesicht zuerst im Sandstein ein. Zwei große Beulen, eine blutige Nase und ein lädierter Unterarm sind die Folge. Mich stört in der Folge vor allem die Muskelprellung, weil sie mir rechts den Endstrom raubt. Trotzdem komme ich auch im ersten Teil zumindest einmal von unten an den schwersten Zug heran.

Das Ganze setzt sich also vermutlich in etwa aus hart 8B+ und hart 8B zusammen. Dazwischen ein passabler Ruhepunkt und danach noch sechs Meter durch den Riss nach oben raus. Schwerer werde ich auf dieser Reise wohl nicht mehr klettern. Wenn ich es klettere. Aber wie auch für gute Fotos braucht kommt man auch beim Klettern nur mit Langsamkeit wirklich weit. Und Eile verspüre ich wirklich keine mehr.

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Da schau ich jetzt gar nicht so dick aus, wie ich mich bei den ganzen Steaks und dem Weißbrot gefühlt habe. Typisch anorektisch…

 

One thought on “Die Wiedererweckung der Langsamkeit – Kapitel 10 einer grüneren Reise”

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